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Neue Geschäftsmodelle: «Es braucht eine Kultur, in der Ausprobieren möglich ist»

Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft und damit die Geschäftsmodelle. Wie KMU ihr Geschäftsmodell anpassen können und warum die Mitarbeiter dabei eine zentrale Rolle spielen, das erklärt Patrick Stähler im Interview.

Gemäss Strategieberater Patrick Stähler sollen auch Mitarbeiter Innovationen anstossen
Gemäss Strategieberater Patrick Stähler sollen auch Mitarbeiter Innovationen anstossen

Patrick Stähler, wie wichtig ist das richtige Geschäftsmodell für den Erfolg eines exportierenden KMU?
Sehr entscheidend. Das richtige Geschäftsmodell basiert auf einer Strategie, die definiert, mit welchen Produkten das Unternehmen bei welchen Kunden Geld verdient und warum Kunden das Unternehmen lieben sollen. Ob ein Geschäftsmodell funktioniert, merkt man, wenn ein Unternehmen aus dem Wettbewerb herausragt, von Kunden wirklich geschätzt und geliebt wird und es Geld verdient.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in diesem Prozess?
Wichtig ist, dass nicht nur das Unternehmen weiss, dass es einzigartig ist, sondern dass es auch die Kunden global mitbekommen. Um das zu erreichen, braucht es als ersten Schritt der Digitalisierung eine vom Kunden her gestaltete und suchmaschinenoptimierte Webseite, wobei man hier noch nicht wirklich von Digitalisierung sprechen kann. Hier hat das Unternehmen erstmal einen Kommunikationskanal digitalisiert, aber Digitalisierung geht viel weiter. Unternehmen können ihre Produktion digitalisieren und so eine höhere Durchgängigkeit innerhalb ihres Unternehmens erreichen. Sie können aber auch ihre Produktion mit den Kunden vernetzen und so dem Kunden gänzlich neue Lösungen anbieten. All dies fällt unter das Schlagwort Industrie 4.0.
Das Spannende ist, dass keiner wirklich weiss, was Digitalisierung genau ist. Für mich ist Digitalisierung ein Lernen und Ausprobieren, wie digitale Technologien unser Leben, aber auch unser Geschäft verändert. Es ist ein Herantasten, was möglich ist. KMU können das relativ gut. Man lässt den Mitarbeitern die Freude und sagt: «Hast du eine Idee? Ich gebe dir die bestehenden Ressourcen. Du kannst am Wochenende mit ihnen arbeiten und mal einen Prototyp bauen. Dann können wir sehen, ob es funktioniert.»

Brauchen KMU denn ein digitales Geschäftsmodell?
Es gibt nicht DAS digitale Geschäftsmodell, auch wenn digitale Technologien alle Unternehmen verändern werden. Es gibt keine Lösung, die für alle gilt. Unternehmen müssen sich selbst mit den digitalen Medien und Technologien beschäftigen und verstehen, was es für sie speziell heisst. Sie müssen sich überlegen, wer sie als Unternehmen heute sind und welche Annahmen hinter ihrem Geschäftsmodell stehen. Sie müssen merken, dass die einzige Konstanz in der Digitalisierung das Bedürfnis ist, dass sie Kunden befriedigen und dass es komplett neue Geschäftsmodelle geben wird, die erst durch Digitalisierung ermöglicht werden. Diese werden gleichzeitig die bestehenden Geschäftsmodelle ersetzen. Es reicht nicht nur das heutige Geschäftsmodell zu digitalisieren, das ist nur eine Optimierung der Vergangenheit.

Sie haben es vorher angesprochen, in Schweizer KMU müssen die Mitarbeiter Lust haben, Sachen auszuprobieren. Haben die Schweizer KMU denn grundsätzlich eine andere Mentalität? Man schaut ja immer schnell ins Silicon Valley.
Viele Schweizer Unternehmen haben ein lustvolleres Herangehen an Innovationen als klassische amerikanische Unternehmen. Silicon Valley ist nicht Amerika und den Vergleich mit normalen amerikanischen Unternehmen müssen die Schweizer nicht scheuen. Wir haben richtige Hardcore-Unternehmer. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich weltweit Kaffee aus einer Kaffeemaschine von Franke, Jura oder Thermoplan trinke. Wir denken immer, die wären nicht weit in der Digitalisierung. Doch wenn eine solche Maschine zur Reparatur kommt, wird als Erstes ein USB-Kabel herausgezogen und dann gibt es ein Firmware-Update. Aus den Daten lässt sich leicht lesen, wie viele Tassen Kaffee mit der Maschine schon produziert wurden oder ob sie gereinigt wurde.
Wir haben teilweise eine unglaublich starke Digitalisierung von gewissen Produkten. Wir haben überall schon Sensoren. Die Frage ist, machen wir damit etwas Intelligentes? Nutzen wir all die Daten, die in den Maschinen gesammelt werden auch für etwas Sinnvolles für Kunden? Gehen wir den nächsten Schritt, vernetzen wir die Maschinen, sammeln wir Daten, analysieren wir diese mit künstlicher Intelligenz, nutzen wir die Handlungsfähigkeit der Dinge und geben dann dem Kunden aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse ein neues, berauschendes Kundenerlebnis? Da haben wir noch viel vor uns.

Wer soll diese Veränderung anstossen?
Ich bin ein grosser Fan von KMU, weil sie häufig von Unternehmern geführt werden. Schauen wir uns die Firma Belimo an: Die Firma baut ihre Antriebs- und Steuerungsgeräte für Lüftungen in Orange. Plötzlich sieht man überall auf der Welt orange Kästchen hängen und das erfüllt sie mit Stolz und dieser Stolz führt dazu, dass sie sich niemals auf dem Status-Quo ausruhen, sondern immer besser werden wollen.
CEOs müssen eine Unternehmenskultur schaffen, in der Ausprobieren möglich ist. Auch ein Lehrling soll sagen können, dass er eine Idee hat, die er gerne ausprobieren will und dafür von der Firma Zeit haben möchte. Dann sollte die Firma bei einer vielversprechenden Idee sagen, dass sie die Idee mit 75% der notwendigen Zeit unterstützt und die andere Zeit der Lehrling aus seiner Freizeit nehmen soll.

Also Freiraum lassen zum Ausprobieren, wo sollen KMU mit beschränkten Ressourcen ansetzen?
Einfach dieses lustvolle Mal-Schauen was in der Welt so passiert und dann mit Prototypen selbst ausprobieren, was funktioniert.

Und das auch in der Freizeit?
Ja, auch in der Freizeit, aber nicht nur. Ein Unternehmer, und das können alle Mitarbeiter sein, hört ja nie auf zu denken. Unternehmertum hat etwas vom lustvollen Herangehen, an Problemen zu tüfteln. Klar, die Work-Life-Balance muss man halten, aber einmal im Jahr ein Ideenwettbewerb machen und dem Gewinner zwei Wochen Zeit geben, das würde nicht viel kosten und der Mitarbeiter würde noch viel seiner eigenen Zeit zusätzlich investieren.

Über Patrick Stähler

Dr. Patrick Stähler ist Strategieberater und Gründer der Denkfabrik fluidminds – the business innovator. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie Unternehmer bessere und kreative Unternehmen entwickeln können, die den Kunden ins Zentrum stellen. Er ist Erfinder-mit-Glück des Business Model Innovation Konzeptes, das er während seines Doktorat an der Universität St. Gallen entwickelt hat. Zudem ist Patrick Stähler Autor des Buches «Das Richtige gründen: Werkzeugkasten für Unternehmer» und digital seit 1995. Über die Innovation von Geschäftsmodellen schreibt er gleichzeitig in seinem Blog.

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Weitere Berichte zum Thema finden Sie in unserem Dossier: Geschäftsmodelle neu denken.

 

Patrick Stähler

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