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Industrielle Revolution: Wie der Schweizer MEM-Cluster funktioniert

Der Schweizer MEM-Cluster (MEM steht für Maschinenbau, Elektrotechnik und Metallurgie) ist der anschauliche Beweis dafür, dass selbst «schwere», traditionelle produktionsorientierte Branchen über eine Infrastruktur verfügen können, die Innovation und explosives Geschäftswachstum fördert. Das Geheimnis liegt in der «leichten» Organisation: Die Branche wird nicht von Konzernen dominiert, sondern setzt sich grösstenteils aus kleinen und mittleren Unternehmen zusammen, die sich auf den globalen Export konzentrieren. Die Schweiz bietet innovativen MEM-Unternehmen einen ausgezeichneten Nährboden für rasches Wachstum und weltweite Expansion.

Frau arbeitet in einem Industrielabor
Die MEM-Branche in der Schweiz setzt auf das solide Fundament der Forschung durch die weltbekannten Schweizer technischen Hochschulen und Institute.

Der Schweizer Maschinenbau hat seine Wurzeln in der Textilherstellung des 19. Jahrhunderts. Damals verwendeten so gut wie alle europäischen Textilhersteller (Italien, Frankreich und Deutschland) Webstühle und Ausrüstung aus Grossbritannien. Als britische Webstühle zu teuer wurden, konzentrierte sich die Schweiz darauf, eigene Webstühle zu konstruieren. Heute zählen die Schweizer Maschinen- und Werkzeugmaschinenbauer zu den wettbewerbsfähigsten der Welt – ebenso wie die Hersteller von elektrischen Anlagen, Elektronik- und Präzisionsmesswerkzeugen. Der MEM-Cluster beschäftigt derzeit über 300’000 Personen und verkauft jährlich Produkte im Wert von 90 Milliarden US-Dollar. Im Gegensatz zu anderen Schweizer Clustern ist dieser nicht auf eine bestimmte Region beschränkt: Die Produktionsstätten sind gleichmässig über das Land verteilt, wobei sie sich auf die zentralen Kantone konzentrieren.

Angetrieben durch exportorientierte Kleinunternehmen

Laut Hans Hess, dem Präsidenten von Swissmem (dem MEM-Cluster-Verband) ist der entscheidende Punkt, dass sich die Unternehmen des Sektors in erster Linie auf den Export konzentrieren. «Kleine und mittlere Unternehmen, die 80 % ihrer Produkte exportieren, machen 95 % des Schweizer MEM-Clusters aus», meint er. Wenn Ihr Unternehmen vom Export abhängt, müssen Sie alle aktuellen Marktentwicklungen verfolgen. Dieser Ansatz hilft Schweizer Unternehmen dabei, sich einen technischen Vorteil zu erarbeiten und weltweit wettbewerbsfähig sein. Die «Kernunternehmen» der Branche (wie ABB, Alstom, Siemens, Liebherr, Schmolz+Bickenbach und andere) haben Weltruhm erlangt, können Trends prägen und auf dem B2B-Markt Nachfrage schaffen. Sie bilden den Kern einer eigenen Cluster- «Ökosphäre», um den herum sich hunderte kleiner Händler von Ausrüstung, Ersatzteilen, Dienstleistungen, Konstruktionsbüros, Experten für Technologie-Rechte und geistiges Eigentum sowie verwandter Sektoren entwickelt haben.

Spezialisierte Technologie-Parks spielen eine Rolle beim Knüpfen von Verbindungen innerhalb des Clusters. Allein im Park Biel/Bienne arbeiten rund zehn Unternehmen nebeneinander und stellen hochpräzise Industriewerkzeuge für die Sektoren Automatisierung und Medizintechnik her (Haag-Streit, Balluff HyTech, Ziemer Group etc.). Sie konkurrieren nicht direkt, können jedoch gegenseitig Leistungen in Anspruch nehmen oder gemeinsam Rohmaterial einkaufen. Parks für den MEM-Cluster gibt es in jedem Schweizer Kanton.

Jedes Unternehmen, unabhängig von seiner Grösse, seinem Umsatz oder seiner Mitarbeiterzahl, kann von den Vorteilen der Zugehörigkeit zum Cluster profitieren. Dazu zählen die Beantragung von Zuschüssen oder steuerlicher Unterstützung von Entwicklungsinstituten, die Arbeit mit den modernsten Forschungseinrichtungen im Rahmen von Technologietransferprogrammen oder die Unterstützung durch Branchenverbände bei der weltweiten Expansion.

Technologietransfer und Ausbildung

Die MEM-Branche in der Schweiz setzt auf das solide Fundament der Forschung durch die weltbekannten technischen Hochschulen und Institute der Schweiz. Aber wie kann in der Praxis eine Idee in ein konkurrenzfähiges Produkt umgesetzt werden? Und wie tauschen Bildungseinrichtungen und Unternehmen Wissen und technische Errungenschaften aus?

Laut Swissmem wenden die Unternehmen im MEM-Cluster rund 5 % ihres Umsatzes für F&E auf. Für wissenschaftsbasierte Unternehmen ist es jedoch nicht üblich, dass sie die Kosten für F&E alleine tragen. Die Regierung ist bei der Unterstützung innovativer Forschung und Entwicklung sehr entgegenkommend. Dementsprechend können Universitäten und Unternehmen gemeinsame Forschungsprojekte starten, in dieser Hinsicht ist der MEM-Sektor äusserst aktiv: Fast die Hälfte aller gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungsprojekte mit Bildungseinrichtungen umfassen Unternehmen und Experten in Maschinenbau, Werkzeugmaschinenbau, Automatisierungstechnik, Informatik, Elektronik und anderen exakten Wissenschaften.   

Wichtig ist auch, dass diese Art von Projekt von der KTI (Kommission für Technologie und Innovation) gefördert werden kann. Deren Zuschüsse können bis zu 50 % der F&E-Kosten von gemeinsamen Projekten zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen decken. Die Rechte an im Rahmen von Projekten unter Einsatz von Laborgeräten, HR und Technologien erforschten Produkten bleiben den Unternehmen vorbehalten.

Zum Beispiel lancierte Streamer International AG, ein Hersteller von Blitzschutzanlagen (lesen Sie unsere Erfolgsgeschichte), 2013 gemeinsam mit der Fachhochschule Rapperswil ein gemeinsames zweijähriges Forschungsprojekt, bei dem die Hälfte der Projektkosten von einem Zuschuss der KTI getragen wurde. Darüber hinaus erhielt Streamer als ein innovatives Bündner Unternehmen einen kommunalen Zuschuss, der sich aus einer kostenlosen Subvention und einem zinslosen Darlehen über fünf Jahre zusammensetzte.

Gamaya, ein Partner von Fly & Firm, einem Hersteller von Drohnen für die Landwirtschaft (lesen Sie unsere Erfolgsgeschichte), nutzt die Plattform und Technologielabore und erhält Beratung von Professoren der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Die geistigen Eigentumsrechte für die Entwicklung hält jedoch Gamaya (und nicht die EPFL). Dieses Beispiel ist keine Ausnahme, sondern die Standardvorgehensweise in der Schweiz: Die geistigen Eigentumsrechte bleiben in der Hand des Kunden.

Auch Branchenverbände sind am Transfer von Wissen und Technologie beteiligt. Swissmem zum Beispiel erleichtert die Zusammenarbeit zwischen Verbandsmitgliedern und den fortschrittlichsten Bildungseinrichtungen im entsprechenden Bereich (wie der Fachhochschule Zürich, der Fachhochschule Westschweiz, der Fachhochschule Luzern und anderen). Swissmem beobachtet laufende Technologieprojekte an Universitäten und potenzielle Dienstleistungen, die die Lehre für Unternehmen bieten kann – und hilft so, Brücken zu schlagen. Auf Anfrage arrangiert Swissmem Besuche in Kompetenzzentren von Universitäten, damit Unternehmen mehr über Prozessmanagement, Effizienzsteigerung, Produktionsaktualisierung etc. lernen können. Verbände ermöglichen auch Kontakte zu externen Plattformen wie dem Paul Scherrer Institut, der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) und dem Schweizer Zentrum für Elektronik und Mikrotechnik (CSEM), den drei wichtigsten Schweizer Organisationen, die mit Nanomaterialien, Mikroelektronik und anderen bahnbrechenden Technologien arbeiten. Zusammen mit Unternehmen und Universitäten führen sie gemeinsame Konferenzen, Workshops und Schulungen durch. Das Wichtigste ist jedoch, dass sie eng in die Schaffung und die Entwicklung von neuen Unternehmen wie SwiSS-9 eingebunden sind, einem Labor-Spin-off der EMPA, das im Technologiepark Biel/Bienne verschiedenste Nanobeschichtungen entwickelt.

Und schliesslich arbeiten Universitäten und Unternehmen zunehmend in gemeinsamen Programmen, um Talentpools zu schaffen. ABB arbeitet beispielsweise mit einigen Dutzend Bildungseinrichtungen auf der ganzen Welt zusammen, unter anderem in der Schweiz. ABB trägt zur Entwicklung der Lehrpläne für neue Themen bei, hält Präsentationen am Campus, nimmt an Berufsmessen teil, veranstaltet Wettbewerbe für Schulungen vor Ort und finanziert eigene Stipendien. Dies war einer der Gründe, warum Schweizer Studierende des Ingenieurwesens 2016 das Unternehmen als einen der weltweit besten Arbeitgeber genannt haben. Die Berufsbildung umfasst auch eine umfangreiche Lehrlingsausbildung. Berufsverbände betreiben eigene Schulungszentren. Swissmem bildet ca. 10’000 Mitarbeitende in Maschinenbau, Konstruktion, Automatisierung, Elektronik und Informatik aus.

«Made in Switzerland» als wichtiger Wettbewerbsvorteil

Laut der Umfrage «Swissness Worldwide 2016», die dieses Jahr von der Universität St. Gallen durchgeführt wurde (mit über 900 Konsumenten in 15 Ländern), ist das Vertrauen der Öffentlichkeit in Schweizer Produkte nach wie vor gross. Die Marke «Made in Switzerland» wird insbesondere in Russland, China, Indien und Brasilien hoch geschätzt – diese Länder stellen rund 40 % der Weltbevölkerung. Diese Konsumenten sind bereit, bis zu 40 % mehr für Schweizer Produkte auszugeben, verglichen mit ähnlichen Produkten aus anderen Ländern. Die Befragten gaben an, dass sie bereit wären, für eine Schweizer Uhr das Doppelte zu zahlen, um die Hälfte mehr für Schweizer Käse und 7 % mehr für einen Urlaub in den Schweizer Alpen. Auch ein Schweizer ist bereit, für lokal hergestellte Produkte einen höheren Preis zu bezahlen.

Selbst ein Start-up, das sich dazu entschliesst, neue aufkommende Märkte in Asien, Afrika oder dem Nahen Osten zu erschliessen, kann von dieser Marke profitieren. «Der zunehmende Trend, lokal zu produzieren, spielt Schweizer Unternehmen in die Hände», sagt Klaus Stahlmann, CEO des Maschinenbaukonzerns Sulzer. «Schweizer Produkte werden als ein Qualitätsmassstab gesehen, selbst wenn ein Unternehmen in einem anderen Land produzieren lässt.» Ein gutes Beispiel, wie Schweizer Fachwissen im Bereich Maschinenbau dabei helfen kann, einen ausländischen Markt zu erschliessen, ist die Geschichte von Bombardier Schweiz: Das Unternehmen nutzte seine Forschungszentren in Zürich und Winterthur, um die hybride Lokomotive ALP 45DP speziell für den Export in die USA zu entwickeln. Die ALP 45DP wird von einer Kombination von Diesel und Strom angetrieben und ermöglicht einen Nonstop-Transport.

Die Industrie der Zukunft

Der Trend in Industrienationen hin zur intelligenten Produktion, Digitalisierung und Prozessautomatisierung (bekannt als Industrie 4.0) wurde bereits als eine neue industrielle Revolution bezeichnet, die auf den Arbeitsmarkt und unser tägliches Leben enormen Einfluss haben könnte.

Im ganzen Land entstehen weitreichende Chancen für die Entwicklung innovativer Produkte und Dienstleistungen. Da die neuen Technologien für Mitbewerber jeglicher Grösse erschwinglich sind, werden diese Sektoren nicht mehr von grossen Konzernen dominiert. In diesem Umfeld kann sogar ein kleines Unternehmen massgeschneiderte Aufträge mittlerer Grösse bewältigen und dabei seine Arbeits-, Energie- und Produktionskosten um 20 bis 30 % senken. Oleg Sharonov, der Gründer des Start-ups Fly & Film, ist der Ansicht, dass es für ein innovatives Hightech-Start-up keinen besseren Standort gibt als die Schweiz.

Die Regierung und die Branchenverbände tun alles, was in ihrer Macht steht, um zu gewährleisten, dass diese «industrielle Revolution» schnell und reibungslos verwirklicht wird. Swissmem hat bereits die neue Initiative Industry 2025 gestartet, mit der Unternehmen dabei unterstützt werden, neue Trends kennenzulernen und besser zusammenzuarbeiten. Ziel ist es, im Schweizer MEM-Cluster bis 2025 eine automatisierte Produktion einzurichten, die auf dem industriellen Internet basiert. Neue und effiziente Produktion wird das Wachstum von Schweizer Unternehmen selbst bei einem starken Franken unterstützen, der das Exportpotenzial etwas schwächt. Nach Ansicht von Experten sind unter den Segmenten der MEM-Branche mit dem höchsten Potenzial erneuerbare Energiequellen, effiziente Speicherung und Verteilung, Lösungen für Abwasser und Abwasserbeseitigung, Mobilität und Transporttechnologie sowie medizinische Geräte.

Weitere Informationen über verschiedene Aspekte der Geschäftstätigkeit in der Schweiz finden Sie in unserem Handbuch für Investoren oder kontaktieren Sie Vertreter unserer Swiss Business Hubs.

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