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«In Frankreich müssen 850'000 Quadratmeter an Bürogebäuden renoviert werden»

Im Interview spricht Patrice Jacquier, Leiter des Swiss Business Hub Frankreich, über den Cleantech-Markt Frankreich. Geschäftschancen für Schweizer Cleantech-Firmen sieht er vor allem bei der energetischen Sanierung von öffentlichen und privaten Bürogebäuden sowie bei öffentlichen Infrastrukturprojekten.

Patrice Jacquier, Leiter des Swiss Business Hub Frankreich
Patrice Jacquier, Leiter des Swiss Business Hub Frankreich

Herr Jacquier, inwiefern ist der französische Cleantech-Markt für Schweizer Unternehmen attraktiv?

Schweizer Unternehmen können an öffentlichen Ausschreibungen im Cleantech-Bereich in Frankreich teilnehmen. Es handelt sich hierbei um einen sehr grossen Markt. Es gibt auch private Ausschreibungen; es hängt alles allein von der Entwicklungsstrategie des Schweizer Unternehmens ab. Im Bereich der öffentlichen Ausschreibungen würde man ein Schweizer Unternehmen eher bitten, sich an einen Zusammenschluss von Unternehmen zu wenden, der bereits auf eine Ausschreibung geantwortet hat oder erwägt, dies zu tun. Es ist insofern günstiger, wenn das Schweizer Unternehmen bereits bekannt und in den Zusammenschluss aufgenommen ist, um Lösungen anzubieten, die den Erwartungen bestimmter Ausschreibungen entsprechen. Im Allgemeinen geht es dabei häufig um die Renovierung von Dienstleistungsgebäuden, die öffentlich . Man muss wissen, dass in Frankreich über 850'000 Millionen Quadratmeter an Bürogebäuden, öffentlich oder privat, renoviert werden müssen, und zwar in energetischer Hinsicht, in Bezug auf die Inneneinrichtung, den Schallschutz, die Wärmedämmung usw. 

Erzählen Sie uns etwas mehr über die öffentliche Auftragsvergabe.

Bei den öffentlichen Ausschreibungen gibt es sehr grosse Projekte. Wie etwa der Grand Paris Express, das grösste Infrastrukturprojekt Europas seit 2012–2013. Dieses wird bis 2035 dauern und bringt alle Akteure der Bauwirtschaft auf europäischer und schweizerischer Ebene zusammen. Unternehmen wie Implenia, Rowa und Lombardi Group sind bereits an den Projekten beteiligt. Und es handelt sich um ein sehr langfristiges Projekt mit einem Investitionsvolumen von 35 Milliarden Euro, bei dem unterschiedliche Fachkompetenzen benötigt werden. Zurzeit werden Aufträge vor allem in den Bereichen Tunnelbau und Tiefbau/Infrastruktur ausgeführt. Die derzeit eingehenden Ausschreibungen betreffen die Ausrüstung von Bahnhöfen. Im Rahmen des Grand-Paris-Projekts ist der Bau von mehr als 70 Bahnhöfen geplant. Sie werden alle unterirdisch sein und Kompetenzen in den Bereichen Energiemanagement, Beleuchtung, Heizung, Aufzüge, Rolltreppen, Innenausstattung usw. erfordern. In vielen Bereichen des Grand Paris Express kommen neueste Cleantech-Technologien zum Einsatz, denn beim Bau der Bahnhöfe muss auch die gesamte Wasserwirtschaft bewältigt werden. Über jedem Bahnhof werden Gebäude, Geschäfts- und Wohnviertel entstehen: 140 Quadratkilometer, auf denen Gebäude errichtet werden sollen, das entspricht der Fläche von Paris.

Wie sieht es auf den privaten Vergabemarktplatz aus?

Im privaten Bereich suchen Bauträger, Unternehmen wie Bouygues Immobilier oder andere, nach Kompetenzen, auch technologischen Kompetenzen, etwa im Bereich Schallschutzprojekte, Aufzüge, Beleuchtung usw. Und hier kann der Swiss Business Hub in Paris Schweizer Unternehmen dabei helfen, diese Bauträger zu identifizieren. Bei anderen Infrastrukturprojekten haben wir das bereits getan. Wir haben Schweizer Unternehmen mit für sie potenziell interessanten Partnern und Kunden zusammengebracht, damit sie auf dem französischen Markt anerkannt werden.

Und dann ist da auch noch der Industriebereich. Insbesondere im Rahmen des 2013 von der Regierung aufgelegten Programms «Industrie der Zukunft» widmen Industrieunternehmen Neuinvestitionen der Modernisierung ihrer Fertigungsparks. Vor allem aber auch, um die neuen Rechtsvorschriften zum ökologischen Fussabdruck einzuhalten. Auch hier geht es also um Wasser- und Energiemanagement. So besteht beispielsweise hinsichtlich der Stromerzeugung durch Windkraft ein grosser Bedarf. Windkraftanlagen mittlerer Leistung werden in Frankreich sehr wenig eingesetzt. In der Offshore-Stromerzeugung gibt es viele Windkraftanlagen mit hoher Leistung. Man findet Anlagen geringer Leistung für Privathaushalte und den Privatsektor, doch für den Industriebereich gibt es hier nur wenige Angebote. Auf jeden Fall besteht eine Nachfrage, und wir wissen, dass es Schweizer Unternehmen gibt, die im Bereich Windkraftanlagen mittlerer Leistung tätig sind und die von den Möglichkeiten in diesem Bereich profitieren könnten. Wirft man einen Blick auf die Gebietskörperschaften, mit denen Verträge über die Übertragung öffentlicher Aufträge abgeschlossen werden, so sind dies Verträge mit einer Laufzeit von 12 bis 30 Jahren, die sich im Besitz französischer Privatunternehmen, sogenannten „Délégataires des service public“, befinden.

Namentlich im Bereich der Wasserwirtschaft besteht ein grosser Bedarf: Mehrere Millionen Kilometer Rohrleitungen müssen saniert und verwaltet werden, um Leckagen in den Wassernetzen zu erkennen. Und genau in diesem Fall raten wir dem Schweizer Unternehmen, sich an die Vollmachtnehmer, die von den Gebietskörperschaften beauftragten Unternehmen, die mit der Erbringung von öffentlichen Dienstleistungen beauftragten Unternehmen zu wenden, um ihnen technische Lösungen anzubieten, mit denen ihnen, also dem Schweizer Unternehmen, ermöglicht wird, in diesem Bereich leichteren Zugang zum öffentlichen Auftragswesen zu erhalten. Auch hier können wir Schweizer Unternehmen unterstützen, indem wir sie mit Unternehmen wie Veolia, Suez, Lyonnaise des Eaux oder Saur in Kontakt bringen, um deren Aufmerksamkeit auf die Existenz dieser Schweizer Technologiekompetenz in der Wasserwirtschaft zu lenken.

Wie können die Schweizer Unternehmen diese Möglichkeiten nutzen und an diesen Cleantech-Märkten in Frankreich partizipieren?

Durch uns! Wir können ihnen helfen, laufende oder zukünftige Verträge im Bereich des öffentlichen Auftragswesens zu identifizieren. Und dann können wir sie mit französischen Unternehmen zusammenbringen, die bereits im öffentlichen Auftragswesen tätig sind und von den Kompetenzen der Schweizer Unternehmen profitieren könnten, um Lösungen zu entwickeln und es französischen Beauftragten oder Auftragnehmern zu ermöglichen, ihrem Kunden technische Lösungen anzubieten. Und auf privater Seite kann man sie, um es noch einmal zu betonen, mit französischen Immobilienanlegern in Verbindung bringen. Es gibt auch öffentliche Investoren im Immobilienbereich, wie die Caisse des Dépôts. Ebenfalls können wir den Kontakt zu Partnern herstellen, etwa um die eigenen Produkte zu vertreiben oder ein Beziehungsnetz aufzubauen. Wie man sieht, gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie wir Schweizer Unternehmen unterstützen können.

Welche Hindernisse bestehen beim Export nach Frankreich? Gibt es kulturelle Hürden?

Die Geschäftskultur in Frankreich ist ganz einfach. Man muss nur wissen, wie die Netzwerke miteinander verknüpft sind. Im Bereich Cleantech haben wir sehr oft mit Aufträgen der öffentlichen Hand zu tun, weil es sich hierbei vor allem um eine öffentliche Initiative handelt. Nehmen wir als Beispiel die Smart Cities. Wir organisieren im November in Mülhausen auf trilateraler Ebene mit Frankreich, der Schweiz und Deutschland eine Veranstaltung zu Smart Cities, bei der Schweizer Unternehmen die Möglichkeit erhalten, ihre technologischen Kompetenzen darzulegen. Smart Cities greifen auf Querschnittstechnologien zurück: Energiemanagement, Wasserwirtschaft, Luftbehandlung, Mikroschadstoffbehandlung, Luftanalyse, akustische Analyse für Einzelpersonen oder in der Stadt. Oder auch Mobilität, Strassenbahnen oder Seilbahnen. Somit ist die Smart City ein sehr günstiges Umfeld für die Entwicklung von Cleantech-Technologien.

Welche Unterstützung bieten Sie Schweizer Unternehmen, die auf dem französischen Markt tätig werden möchten?

Wir nehmen ihr Geschäftskonzept unter die Lupe und prüfen, ob es mit den Anforderungen des französischen Marktes vereinbar ist. Dann bieten wir ihnen je nach ihrer Kommunikationsstrategie kurz-, mittel- oder langfristige Unterstützung an. Wir können ihnen eine Liste potenzieller Kunden zur Verfügung stellen, die sie direkt kontaktieren oder mit denen wir für sie offiziell als Swiss Business Hub und als Botschaft kommunizieren können. So vermögen wir effektiv Türen zu öffnen bzw. können ihnen auf jeden Fall dabei helfen, Türen zu französischen Unternehmen zu öffnen, die bestimmte technologische Kompetenzen suchen. Wir können ihnen auch helfen, Vertriebspartner für Lösungen, Produkte oder Dienstleistungen zu finden. Parallel dazu können wir auch aktiv an Messen, Ausstellungen, B2B-Meetings und Tagungen teilnehmen, wo wir Schweizer Unternehmen vertreten oder sie begleiten können. Schlussendlich können wir auch spezifische Marktforschungen oder Umfragen bei Anwendern und Kunden durchführen.

Export-Unterstützung

Haben Sie Fragen zum Export nach Frankreich? Kontaktieren Sie Beat Kuster, Berater für Indien bei Switzerland Global Enterprise. An einem kostenlosen und persönlichen Länderberatungsgespräch können Sie Ihr Potenzial gemeinsam besprechen und die weiteren Schritte definieren.

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