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Asien: digital heterogen, ökonomisch reizvoll

Die Digitalisierung ist in Asien im Vormarsch und beeinflusst Wirtschaft und Gesellschaft gleichermassen. Allerdings zeigt sich ein heterogenes Bild: Während die asiatischen Länder in gewissen Bereichen Trends setzen und das Tempo vorlegen, haben sie in anderen Nachholbedarf. Die Schweiz, führend im Bereich Innovation und Engineering, wird im ökonomischen und geokulturellen Austausch mit Asien weiterhin eine Schlüsselrolle spielen.

Die Digitalisierung in Asien ist ökonomisch reizvoll
Bereitgestellt von
PwC

China ist Vorreiter und Treiber der Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklungen in Asien. Die Uhren ticken hier etwas anders als im Westen: Ein Jahr in China entspricht ungefähr einem Zeitraum von vier Jahren in Europa. In der vergangenen Dekade hat das grosse Wachstum in China die Gesellschaft stark verändert: Dabei hat eine Internationalisierung stattgefunden, das Verständnis für westliche Unternehmenskultur, wirtschaftliche Gepflogenheiten und die westlichen Sprachkenntnisse haben sich deutlich verbessert.

Die Digitalisierung als hochaktueller Megatrend verstärkt diesen Zeitraffereffekt zusätzlich und prägt die Entwicklung von Asien wesentlich mit. In China sind die Löhne über die letzten Jahre im Schnitt um 15% gestiegen. Damit wird der Lohnsockel allmählich zu breit, um weiterhin Güter zu konkurrenzfähigen Preisen in China herzustellen. Verglichen mit den hoch automatisierten Herstellungsprozessen in Europa wird im Reich der Mitte noch zu viel manuell fabriziert; das Automatisierungspotenzial ist enorm. Ausserdem hat die Sozialpolitik dazu geführt, dass seit 2012 zunehmend mehr Menschen in Rente gehen. Da die riesige Masse der arbeitenden Bevölkerung schrumpft, stehen zukünftig weniger flinke Hände zur Verfügung.

Grosser Sprung statt kleine Schritte

Die digitale Transformation eines traditionellen westlichen Unternehmens verläuft evolutionär, also schrittweise und über einen gewissen Zeitraum. Anders in China: Hier kann sich die Digitalisierung in einem grossen Sprung vollziehen, Produktionsbetriebe werden komplett neu geplant und gebaut, direkt zur digitalen, vollautomatisierten Fertigung. Das bietet Schweizer Unternehmen in der Ausrüstungsindustrie, die zum Beispiel im Maschinenbau spezialisiert sind oder Fabrikationsabläufe konzipieren, enorme Chancen. Sie können sozusagen auf dem Reissbrett eine Fabrik entwerfen, die in China gebaut und in Betrieb genommen wird. So lässt sich für ein chinesisches Unternehmen auf einen Schlag eine x-fach höhere Produktionseffizienz mit deutlich mehr Qualität des Endproduktes erzielen.

Innovation in der Schweizer DNA

Hier kommt die Innovationsstärke von Europa im Allgemeinen und von der Schweiz im Besonderen ins Spiel. Denn im asiatischen Billigsystem ist Innovation nicht enthalten. Ganz anders in der Schweiz: Innovation gehört zur DNA und hat unsere Geschichte und unser Wirtschaftssystem geprägt. In dieser Tatsache begründet sich die beachtliche M&A-Welle, die gerade Teile der Schweizer Wirtschaft erfasst. China hat nämlich erkannt, dass die Schweiz einen interessanten Zulieferer abgibt und hier ein hohes Innovations- und Engineeringpotenzial bereitliegt. Dieser asiatische Innovationshunger dürfte zu einer Entwicklung mit zwei möglichen Ausprägungen führen:

In der Schweiz und in Europa entstehen chinesisch initiierte Forschungs- und Entwicklungszentren. Diese entwerfen Produktionsstätten oder -maschinen für den chinesischen Markt oder passen bestehende Produkte für den Einsatz in China an. Diese Entwicklungs- und Engineeringtätigkeit wird von chinesischen Investoren finanziert. Chinesische Unternehmen investieren so in die «Verlängerung der Werkbank» (extending the workbench). Die neuen Forschungs- und Entwicklungszentren lassen sich dank digitaler Technologien über zwei Zeitzonen weltweit nutzen, was das Innovationspotenzial des Westens nutzt und die produktive Entwicklungszeit verlängert.

24 Stunden pro Tag: Zeit ist zu einem entscheidenden Erfolgsparameter im digitalisierten Geschäftsaustausch mit Asien geworden. Früher haben die Firmen ihre Rollouts in Entwicklungszonen gestaffelt und neue Produkte zuerst in Nordamerika oder Westeuropa und zwei Jahre später – eventuell leicht angepasst – in Asien und dem Rest der Welt lanciert. In der digitalen Welt erwarten die Konsumenten und Kunden global dieselbe Verfügbarkeit und Lancierung von Produkten oder Services – weltweit und rund um die Uhr. Der zeitliche Vorsprung und die mögliche Abschöpfung von regional gestaffelten hohen Margen entfallen.

Digitalität als Mentalität

Das Internet hat sich in China zu einem Intranet entwickelt, die chinesischen Arbeitskräfte sind digital fit: Nicht umsonst sind die heute führenden digitalen Plattformen wie Alibaba, Taobao, Tencent, WeChat allesamt made in China. Zum Beispiel sind die WeChat-Funktionalitäten denen von WhatsApp um Jahre voraus. Auch im Zahlungsverkehr laufen die asiatischen Länder an der Spitze. Wer in Singapur oder Malaysia parken und dafür bezahlen will, greift nicht wie in der Schweiz oder in Westeuropa zum Kleingeld, sondern hat dazu eine Debitkarte unter der Frontscheibe. Das Parkscangerät am Eingang der Garage nimmt ganz automatisch sämtliche erforderlichen Zahlungsdaten auf, und schon ist die Parkzeit beglichen. Und auch für die Zeitung am Kiosk kramt heute keiner mehr Bargeld aus der Hosentasche, sondern sein Smartphone. Dieser digitale Wandel hat in Asien in den letzten zehn Jahren stattgefunden und macht deutlich: Punkto Digitalisierung sind die Asiaten alles andere als Pfahlbauer.

Bei den Prozessen im Rückstand

Beispiele wie die Onlinezahlungsplattform AliPay oder der virtuelle Marktplatz Taobao sind in Asien flächendeckend und länderübergreifend eingeführt. In anderen digitalen Bereichen hat der Kontinent Aufholbedarf, insbesondere bei der Prozesseffizienz. Was sich in Europa in zwei Stunden erledigen lässt, dauert in China manchmal einen ganzen Arbeitstag. Das liegt einerseits an einer mangelnden Verknüpfung und Interaktion von Prozessen, Abteilungen und Unternehmen begründet. In Europa haben die meisten Unternehmen ihre Schnittstellen zu Lieferanten oder Geschäftspartnern über die gesamte horizontale Wertschöpfungskette hinweg weitgehend automatisiert und optimal aufeinander abgestimmt. Man denke nur an die Verbindung von POS, Lager- und Transportlogistik. Anderseits hängt die prozessuale Ineffizienz der asiatischen Wirtschaft auch mit ihrer Kultur zusammen. Denn anders als in Europa muss das Vertrauen in sein Gegenüber in Asien erst erarbeitet werden und ist nicht unbedingt von Beginn weg gegeben. Mit der Digitalisierung eröffnen sich den asiatischen Wirtschaftsakteuren in diesem Thema attraktive Optimierungsmöglichkeiten.

Auch ein gesellschaftliches Thema

Zu den grössten Herausforderungen von China gehören die Überalterung der Gesellschaft, die notwendige globale Öffnung und das Bildungssystem. Zum Beispiel stehen bei der Altersvorsorge Reformen an, um mit den Auswirkungen der 1-Kind-Regel umzugehen. Aber auch die Digitalisierung wird die gesellschaftliche Veränderung vorantreiben. Denn sie baut Klassenunterschiede, kulturelle Grenzen und geografische Distanzen ab. Dadurch werden chinesische und asiatische Eltern die Ausbildung ihrer Kinder noch mehr in den Mittelpunkt rücken und in sie investieren. Denn nur die bestausgebildeten Kinder erhalten Aussicht auf einen Job, der ihnen eine Familiengründung oder sogar Karriere erlaubt. Diejenigen, die in der digitalen Welt nicht Fuss fassen können, werden zu Niedriglohnangestellten, wie es sie etwa im Kurierdienst gibt, gezwungen. In der Folge dürfte die Lohnschere weiter massiv aufgehen, was soziale Sekundärprobleme nach sich zieht. Diese Entwicklung wird sich in einem weiteren Schritt auch auf den Westen auswirken, denn der Konkurrenzdruck aus Asien für Kinder und junge Menschen direkt ab Ausbildung steigt. Und in diesem Thema trumpft Asien mit einem unbesiegbaren Vorteil auf: der Masse.

Fazit

Wer als Wirtschaftsteilnehmer in Asien unterwegs ist, sollte im Hinblick auf die Digitalisierung prüfen, wo das eigene Unternehmen und seine Geschäftspartner stehen. Je nach Branche kann der Digitalisierungsgrad sehr unterschiedlich ausfallen – und ebenso das ungenutzte Geschäftspotenzial. Sosehr die Digitalisierung auch die ökonomische Entwicklung beschleunigt und die Zukunft prägt, sosehr sind doch immer noch klassische Fähigkeiten im wirtschaftlichen Dialog mit Asien gefragt – ein profundes Verständnis von Industrie, Risiken und Chancen. Nur ein Faktor hat sich grundlegend verändert und die Dimension gewechselt: die Zeit. Mit der Digitalisierung ist der zeitliche Vorsprung des Westens in der Entwicklung und Lancierung neuer Produkte oder Dienstleistungen fast auf null gesunken.
 

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