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Kasachstan: Wirtschaftsumbruch mit Potential für KMU

Die Wirtschaft in Zentralasien im Allgemeinen und in Kasachstan im Besonderen befindet sich heute, um nicht gänzlich vom Export von Rohstoffen abhängig zu sein, in einem wichtigen Transformationsprozess. Dadurch bieten sich Exporteuren in der Schweiz mehr Möglichkeiten.

Kazakhstan

Seit dem Fall der Sowjetunion hat der Wohlstand in Kasachstan einen ganz speziellen Grund: Das Erdöl. In weniger als 20 Jahren konnte dieses grosse asiatische Land sein Bruttoinlandsprodukt deutlich steigern. Seit dem Jahr 2006 gehört es wie Mexiko oder Algerien zu den Staaten mit einem durchschnittlichen Einkommen im oberen Teil der Schere. Der Anteil der Ölindustrie betrug im Jahr 2015 18 % des BIP und 60 % der Ausfuhren.

Kasachstan, flächenmässig das neuntgrösste Land der Welt, ist nach Russland der grösste Staat, der nach der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 aus dieser hervorgegangen ist. Auf einem Gebiet, das ähnlich gross ist wie das der Europäischen Union, leben jedoch nur knapp 17,5 Millionen Menschen. Fast 60 % davon leben in den grossen Städten wie beispielsweise in Almaty, der ehemaligen Hauptstadt, in Astana, dem wahren wirtschaftlichen und demographischen Motor des Landes, sowie in Schymkent und Karaganda, wobei beide Städte mehr als eine halbe Million Einwohner zählen.

Kasachstan besitzt beachtliche Erdöl- und Erdgasvorkommen, wie z. B. das riesige Erdölfeld Kaschagan am nördlichen Kaspischen Meer, an dem auch die italienische Eni beteiligt ist.

Darüber hinaus verfügt Kasachstan über grosse Bodenschätze, auf die 15 % der Exporte (insbesondere nach China) entfallen. 90 % davon waren sowjetische Chromressourcen und die Hälfte davon Rohstoffe wie Blei, Kupfer und Zink. Neben dem Uranabbau ist das Land der führende Exporteur im Bereich Kohle, der Hauptquelle des nationalen Energiemix. Kasachstan umfasst 20 % des bebauten Bodens der ehemaligen Sowjetunion. Im Norden des Landes werden grosse Menge an Weizen produziert, während im Süden vorwiegend Obst, Gemüse, Tabak, Reis, Hanf und Baumwolle angebaut werden.

Es ist allzu offensichtlich, dass die sinkenden Ölpreise in den letzten Jahren die Wirtschaft Kasachstans ernsthaft getroffen haben. Hinzu kamen die Herausforderungen der wichtigsten Handelspartner China und Russland. Die Wachstumsrate von Kasachstan hat ihr Tempo gedrosselt, von 5,8 % im Jahr 2013 auf 1,2 % im Jahr 2015. Die Weltbank schätzt, dass die Rate im Jahr 2016 zwischen -0,5 und 0,1 % liegen wird. Im vergangenen Jahr wurde die kasachische Tenge deutlich abgewertet, wodurch der Preis der importierten Schweizer Güter deutlich anstieg.

«Exporteure auf der Suche nach interessanten Märkten sollten sich jedoch nicht durch diesen ersten makroökonomischen Eindruck täuschen lassen. Für die Schweizer KMU aber zeichnen sich durchaus einige Hoffnungsschimmer und konkrete Chancen für Geschäfte in Kasachstan ab», meint Monica Zurfluh, Leiterin der Switzerland Global Enterprise der italienischen Schweiz.

Aus politisch-wirtschaftlicher Sicht ist Kasachstan eines der fortschrittlichsten Länder der Region und heisst ausländische Investoren willkommen.

Als Mitglied der Eurasischen Zollunion eröffnet sich für Kasachstan zusammen mit Russland und anderen Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten ein grosser Binnenmarkt. Viele ausländische Unternehmen entscheiden sich für dieses Land als Knotenpunkt in der Region.

Die Verschuldung ist gering, und in den letzten Jahrzehnten wurde ein beträchtlicher Nationalfonds eingerichtet, in den ein Teil der Erdöleinnahmen fliessen. Mit diesen Mitteln wird heute der Transformationsprozess der Wirtschaft, das sogenannte Nurly Zhol Programm vorangebracht. Der Staat investiert neun Milliarden US-Dollar, die gleiche Menge kommt von anderen Organisationen.

«Gefördert wird damit vor allem die Verkehrsinfrastruktur, die Industrialisierung und das Know-how. Die Regierung hat erkannt, wie wichtig es ist, die Wirtschaft des Landes zu diversifizieren, um nicht nur auf Öl angewiesen zu sein. Deshalb will sie neue Technologien einführen und die lokale Produktion fördern, um die Importe zu reduzieren. Gleichzeitig müssen jedoch auch die bestehenden Anlagen in jedem Fall modernisiert werden», so die Leiterin. Als «Schaufenster» des Potenzials des Landes gilt die eigene Hauptstadt Astana, wobei Astana auch das kasachische Wort für «Hauptstadt» ist. Astana wurde bereits im Jahre 1824 gegründet und wurde im Laufe ihrer Geschichte dreimal umbenannt. 1998 beschloss Präsident Nursultan, die Hauptstadt nach Astana zu verlegen, da Astana viel zentraler liegt als Almaty. Die kasachische Bevölkerung ist seit 1989 um die Hälfte auf knapp zwei Drittel gesunken. 70 % der Kasachen sind sunnitische Muslime. Innerhalb weniger Jahre ist dort aus der Wüste praktisch eine blühende Metropole mit modernen Infrastruktureinrichtungen entstanden, die trotz des Kontinentalklimas in der Lage ist, ihren Bewohnern eine hohe Lebensqualität zu gewährleisten.

«Eine weitere Priorität der Regierung ist die Privatisierung staatlicher Unternehmen», betont Monica Zurfluh. Seit Januar 2016 gibt es eine Liste von Unternehmen, die bis 2020 verkauft werden sollen, darunter das staatliche Öl- und Gasunternehmen KazMunaiGas, die Eisenbahn, die Postämter, die nationalen Fluggesellschaften, der nationale Energieproduzent und viele mehr. Der Anteil des Staates bei der wirtschaftlichen Produktion wird von 50 % auf 15 % sinken. Der Verkauf dieser Unternehmen soll dem Fiskus erhebliche Einnahmen bescheren.

Nicht zuletzt profitiert Kasachstan von seiner strategisch günstigen Lage in Zentralasien. China hat unter dem Stichwort «New Silk Road» eine Grossinitiative angekündigt, die die Transportinfrastruktur, in die es grosse Summen investieren will, bis nach Europa ausbaut und dabei auch Kasachstan durchquert. Im März 2015 unterzeichneten die beiden Länder ein «Memorandum of Understanding» sowie weitere 33 Dokumente zur Zusammenarbeit bei der Produktion in den Bereichen Stahl, Flachglas, Ölraffinerien, hydraulische Energie und Automotive in einer Höhe von insgesamt 23,6 Milliarden US-Dollar. Kasachstan hat sich auch verpflichtet, bis 2018 3 Milliarden US-Dollar in Infrastrukturprojekte zu investieren, zum Beispiel in die Hochgeschwindigkeitsstrecken zwischen China und Russland.

«Für die direkt oder indirekt am Bau der Infrastruktur beteiligten Branchen eröffnen sich dadurch viele Möglichkeiten», betont die Leiterin. Die Weltausstellung befasst sich mit dem Thema Wachstum, vor allem im Bausektor, dessen Wachstumsrate im Jahr 2015 bei 4,3 % lag. Die Bemühungen um den Ausbau und die Modernisierung der bestehenden Industrien sind nützlich, vor allem für die Experten im Erzbergbau, in der Metallurgie sowie in der chemischen und petrochemischen Industrie, wobei die Anleger auf die Unterstützung der Regierung hoffen können.

«Dies gilt insbesondere für die Chemiebranche, wo mehrere grosse Projekte gerade abgeschlossen werden oder geplant sind, wie zum Beispiel Raffinerien, eine Düngemittelfabrik sowie ein Chemiekomplex für Polyethylen und Propylen, in die 8 Milliarden US-Dollar investiert werden», so Zurfluh. Heute werden 90 % der Maschinen importiert, obwohl die Nachfrage seit der globalen Wirtschaftskrise gesunken ist.

«Natürlich profitiert auch die Lebensmittel- und die Lebensmitteltechnologie-Industrie von der Absicht der Regierung, die Importe zu reduzieren. Wir glauben, dass sich allen Sektoren, die in irgendeiner Weise im Zusammenhang mit nachhaltiger und umweltfreundlicher Technologie stehen, durchaus eine besondere Chance bietet», kommentiert Zurfluh, «schliesslich ist das Thema der Expo 2017 in Astana ein Schwerpunktbereich der kasachischen Regierung, die eine nachhaltigere Energieversorgung schaffen will.» Was jedoch einer gewissen Ironie nicht entbehrt, «es wurden ehrgeizige Pläne ausgearbeitet, um das Energieeffizienzsystem im Land zu steigern, das von der Strategie für eine ‹Green Economy› aus dem Jahr gefördert wird.»

Inwiefern? Das ist schnell erklärt. «Vor allem, weil der Stromverbrauch durch die heimische Industrie sehr hoch ist, bezogen auf das BIP etwa viermal höher als in den Industrieländern. Dies ist auf nunmehr veraltete Maschinen und Anlagen sowie auf eine veraltete Netzwerkinfrastruktur zurückzuführen. Und gerade in diesen Bereichen können sich die Schweizer ‹cleantech› Unternehmen behaupten, die für ihre Qualität, Innovation und Nachhaltigkeit bekannt sind», führt Monica Zurfluh weiter aus.

«Auch wenn das Land auf der einen Seite progressive Ideen und Möglichkeiten bietet, so finden sich auf der anderen Seite jedoch noch einige Hindernisse, die es den Schweizer Exporteuren schwer machen, auf dem örtlichen Markt Fuss zu fassen. Obwohl die Regierung die Reformen voranbringt, stellen die noch übermässige Bürokratie und die weit verbreitete Korruption, wie so oft in vielen Schwellenländern, gleichwohl eine grosse Herausforderung dar.»

Aber es gibt nicht nur bürokratische Probleme. Wie in jedem anderen Entwicklungsland finden sich auch hier infrastrukturelle Mängel, die trotz massiver öffentlicher Investitionen noch nicht beseitigt worden sind. «Die schwierige Infrastruktur des Landes erschwert die Logistik. Ganz allgemein muss das Hindernis der sprachlichen und kulturellen Vielfalt überwunden werden. Die starke Abwertung der Währung in der zweiten Hälfte des Jahres 2015 ist für Schweizer Unternehmen, die gegenüber dem Franken immer noch stark zu kämpfen haben, auch nicht gerade von Vorteil», unterstreicht die Leiterin. Doch mit einer guten Vorbereitung und einem guten Vor-Ort-Service können all diese Hindernisse eingeschränkt und überwunden werden. «Unsere Organisation bietet zur Unterstützung der Schweizer Exportunternehmen ein globales Trade Point Netzwerk. So ein Netzwerk befindet sich in der Schweizer Botschaft in Astana, wo spezifisches Know-how auf dem kasachischen Markt gewonnen und ein Netzwerk von lokalen Kontakten aufgebaut wurde, beides für Geschäfte notwendig, ja nahezu unverzichtbar», bekräftigt Monica Zurfluh. «Deshalb empfehlen wir vor allem den professionellen Exporteuren, sich auf den kasachischen Markt zu konzentrieren.» Wie so oft «ist es in einer ersten Phase notwendig, den eigenen Sektor, die Nachfrage und den Wettbewerb vor Ort sowie Entscheidungsträger in Unternehmen und in Behörden gründlich zu analysieren.

Der Schlüssel, um dieses Ziel zu erreichen, ist, vor Ort einen vertrauenswürdigen Partner mit einem Netzwerk von Kontakten zu haben. Eine zentrale Rolle spielen persönliche und verlässliche Beziehungen, die ein effektives und dauerhaftes Arbeitsverhältnis mit einem Partner schaffen. Auch häufige Reisen der Manager nach Kasachstan werden in Zukunft notwendig sein», betont Monica Zurfluh. Abschliessend weist die Leiterin der italienischen Schweiz darauf hin, dass «für einen effektiven Markteintritt das Timing genau definiert, die Zollangelegenheiten und Logistik sorgfältig geplant und die notwendigen Zertifizierungen beschafft werden müssen».

Die Expo in Astana

Vom 10. Juni bis zum 10. September 2017 werden auf der Expo in Astana, der ersten Expo überhaupt in einem zentralasiatischen Land, sieben Millionen Besucher erwartet. Das Thema der Expo 2017 Astana lautet ‹Future energy› und hat verantwortungsvolle und effiziente Energieerzeugung im Zusammenhang mit der Umwelt, insbesondere in Bezug auf erneuerbare Energien im Blick. Die Veranstaltung, mit offizieller Teilnahme von über hundert Staaten, fungiert als eine ideale Verbindung zwischen der Mailänder Expo 2015, deren Thema ‹Nutrire il pianeta› (Den Planten ernähren) und der Weltausstellung in Dubai 2020 mit dem Thema ‹Connecting minds, creating the future› (Köpfe verbinden, Zukunft schaffen).

Dieser Artikel wurde zuerst im Dezember 2016 im Ticino Management veröffentlicht.

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