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Polen: Unterschätzte Exportdestination

Von 1989 bis heute haben sich in Polen das Brutto-Inlandsprodukt verdoppelt und die Importe aus der Schweiz versechsfacht. Es wäre vereinfachend, Polen einfach nur als einen Low-Cost-Standort zu betrachten, wohin man seine Produktion auslagert. Es muss als ein grosses Land Mitteleuropas betrachtet werden.

Eine Straßenbahn fährt durch die Straßen der polnischen Stadt Krakau.
Als größte mitteleuropäische Land bietet Polen hervorragende Möglichkeiten für Schweizer Unternehmen.

Polen ist mit 38 Millionen Einwohnern das grösste unter den osteuropäischen Ländern, die der EU beigetreten sind.

«Das Land hat unglaubliche Fortschritte gemacht: im Index ‹Ease of Doing Business› der Weltbank hat es die Schweiz sogar überholt und befindet sich auf Platz 24», sagt Katalin Dreher-Hajnal, Beraterin bei S-GE für den Markt Polen. Die Industrie trägt mit mehr als 23 % zum BIP bei. Die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit 1989, und es wird erwartet, dass die Konsumausgaben im Jahr 2017 ebenso wie das BIP weiterhin wachsen werden (nach Angaben der Nationalbank + 3,5 %). In der Vergangenheit wurde diese Entwicklung durch die umfangreichen europäischen Hilfen aus dem Kohäsionsfonds befeuert, die weiterhin fliessen, auch wenn einige Zahlungsverzögerungen im Jahr 2016 das Wachstum des Landes verlangsamten.

Für das Jahr 2017 hält Credit Suisse Polen für den vielversprechendsten europäischen Markt für die Schweizer Exporteure.

«Die Schweizer Firmen beurteilen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiterhin als gut. Die Stärken der polnischen Wirtschaft sind unverändert und der Rahmen bleibt stabil», meint Dreher-Hajnal. Entgegen den Prognosen der Europäischen Kommission bestätigte die Regierung, dass die Schwelle von 3 % des Haushaltsdefizits trotz der vielen neuen wirtschaftspolitischen Massnahmen, die das Herzstück der Tätigkeit der neuen Regierung sind, nicht überschritten wird. Die Wirtschaftspolitik zielt vor allem durch eine Stärkung der Investitionen in Innovation auf einen höheren Grad der internationalen Wertschöpfungskette ab: Mit diesem Ziel werden vielversprechende Bereiche wie E-Mobilität, IT-Sicherheitssysteme, Drohnen oder spezialisierte Schiffstechnik gefördert. Katalin Dreher-Hajnal:

Wir erwarten ein grosses Marktpotenzial für Schweizer Unternehmen, vor allem in der Fertigungsindustrie

Haushaltsgeräte, Chemie, Kunststoff, Metallverarbeitung

Dies betreffe vor allem die Bereiche Nahrungsmittel, Getränke, Küchengeräte und Küchenutensilien: In keinem anderen europäischen Land werden so viele kleine und grosse Haushaltsgeräte produziert. Obwohl die Exporte im Jahr 2016 nicht zugenommen haben, ist die Binnennachfrage weiter gewachsen und allein in der ersten Jahreshälfte wurde mit 6 Milliarden Euro etwa 3 % mehr Umsatz erreicht als im Jahr 2015. Die grossen internationalen Hersteller bereiten konkrete Investitionspläne für andere polnische Werke vor. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Energierohstoffen und in der Automobilbranche.

Zu weiteren beachteten Bereichen zählen Chemie, Kunststoff- und Metallverarbeitung. Zudem stieg in den letzten Jahren die Bedeutung von verarbeitungsintensiven Produkten, obwohl es hier in diesem Jahr einen Rückgang gab; für die Zukunft wird geschätzt, dass die Bruttoanlageinvestitionen in den nächsten zwei Jahren voraussichtlich um mehr als 5 % zunehmen werden.

Trendwende im Maschinenbau

Im Jahr 2016 verzeichnete der Maschinenbau geringere Umsätze und damit geringere Investitionen als 2015, die Experten sehen jedoch ab 2017 eine Trendwende kommen. Bei der vierten industriellen Revolution und der Digitalisierung im Allgemeinen gibt es noch Nachholbedarf, wovon die Schweizer Lieferanten profitieren können. 2015 haben die Investitionen in Forschung und Entwicklung (von denen die Hälfte in Unternehmen stattfindet) zum ersten Mal 1 % des BIP erreicht. Der Digitalisierungsprozess steht daher insgesamt in einer Phase des Fortschritts.

Im Jahr 2016 wurden auch in der chemischen Industrie Investitionen getätigt (gut 5 %). Die Fortsetzung dieses Trends ist durch verschiedene Grossprojekte, die von den nationalen Industriegruppen vorgelegt werden, gesichert.

Die wichtigste Energiequelle in Polen bleibt weiterhin die Kohle: Die staatlichen Energieversorger bauen derzeit neue Anlagen von etwa 6000 MW; von heute bis 2027 wird erwartet, dass 27 Milliarden Euro in Kohlekraftwerke investiert werden sollen.

Weitere vielversprechende Sektoren sind laut S-Ge Entsorgung, Transport, Software-Dienstleistungen, Lebensmittelindustrie und Luxusprodukte. Letztere profitieren vom besonders positiven Bild der Schweiz.

Top-Image der Schweiz in Polen

Schweizer Produkte und Dienstleistungen stehen in Polen weiterhin gleichbedeutend für Zuverlässigkeit, Qualität und Luxus, wie eine Studie über die Wahrnehmung von ‹Swissness› durch die Universität St. Gallen dem htp St. Gallen Managementberatung zeigt.

Weitere vielversprechende Sektoren sind laut S-GE Entsorgung, Transport, Software-Dienstleistungen, Lebensmittelindustrie und Luxusprodukte. Letztere profitieren vom besonders positiven Bild der Schweiz. Schweizer Produkte und Dienstleistungen stehen in Polen weiterhin gleichbedeutend für Zuverlässigkeit, Qualität und Luxus, wie eine Studie über die Wahrnehmung von ‹Swissness› durch die Universität St. Gallen dem htp St. Gallen Managementberatung zeigt. «Laut der Umfrage sind die Befragten bereit, für Qualität mehr zu zahlen. Zum Beispiel für Küchenspülen (ein Produkt, an dem keine besonderen emotionalen Werte hängen) wurde die Bereitschaft berechnet, 12 % mehr zu zahlen, nur aufgrund der Herkunftsangabe», berichtet Katalin Dreher-Hajnal, «und für Luxusprodukte sollte der Prozentsatz sogar noch höher liegen. Obwohl wir Polen bisweilen noch unterbewerten, haben viele ausländische Unternehmen diesen neuen Markt bereits erkannt, und auch die lokale Konkurrenz ist sehr stark.» Weil es teilweise bereits eine grosse Konkurrenz gibt, lohnt es sich also nicht bei allen Produkten, in Polen zu investieren. Dies gilt zum Beispiel für Kosmetika und Haushaltsartikel.

Um in den polnischen Markt einzutreten, braucht es ein klareres Mehrwertversprechen und eine klarere Differenzierung: Man muss sich also fragen, warum in diesem Fall das Schweizer Produkt besser wäre

so die Beraterin von Switzerland Global Enterprise für Polen weiter. In vielen der oben genannten aussichtsreichen Bereiche können Schweizer KMU mit der Vergabe öffentlicher Aufträge rechnen. In diesem Umfeld spielt oft der Preis eine entscheidende Rolle, was für Schweizer Unternehmen von Nachteil sein kann, besonders vor dem Hintergrund des starken Franken. Es wäre daher sinnvoll, so rät Switzerland Global Enterprise, diese Situationen einer vorherigen Prüfung zu unterziehen. «In diesem Zusammenhang raten wir auch zum Rückgriff auf einen Rechtsanwalt oder Fachberater, da die polnische Bürokratie ausländischen Unternehmen recht obskur erscheinen kann, wenn man keine spezielle professionelle Beratung in Anspruch nimmt», führt Dreher-Hajnal weiter aus.

Obwohl Polen nahe liegt (und man, wenn man die historischen Zentren der grossen Städte besucht, sich fast wie zuhause fühlt: Kirchen und Paläste von Tessiner Handwerkern und insubrischen Architekten und Stuckateuren sind keine Seltenheit), gibt es kulturelle Unterschiede, die es zu berücksichtigen gilt: «Obwohl das Land nicht weit entfernt ist, sind einige Handelspraktiken ganz anders geregelt», erklärt Dreher-Hajnal. Ganz allgemein sind es die Menschen in Polen gewohnt, anständige Ergebnisse aus schwierigen materiellen Bedingungen heraus zu erreichen. Mit der ständigen Verbesserung dieser Bedingungen wächst so auch die Qualität der Produkte und Dienstleistungen spürbar an. Seit langer Zeit ist Polen nicht mehr das Land der billigen Arbeitskräfte und niedrigen Löhne, wie es das teilweise zu Beginn der neuen Ära gewesen war: 1990.

Heute gibt es in der Welt der Wirtschaft ein neues Bewusstsein und Selbstwertgefühl, das wie zuvor von einer grossen Offenheit gegenüber Partnern und ausländischen Investoren begleitet wird. Ausländern, die sich die Mühe machen, ein paar Brocken Polnisch zu lernen, schlägt viel Sympathie entgegen. Im Übrigen sollte man Polen nicht in Osteuropa verorten: Viele Polen reagieren vor dem Hintergrund seiner historischen Westausrichtung und der geografischen Lage in der Mitte des Kontinents allergisch auf diese Einstufung.

Die Polen legen grossen Wert auf den Faktor Mensch: Die persönliche Beziehung geht vor, auch bei Geschäftskontakten, und dient zur Herstellung eines Vertrauensverhältnisses, zum Beispiel durch ‹Small Talk›, das gegenseitige Kennenlernen und das Herausfinden von persönlichen Gemeinsamkeiten. «Es ist wichtig, die Geschäftskontakte in regelmässigen Abständen zu pflegen und der Austausch mit polnischen Partnern muss auf Augenhöhe erfolgen. In diesem Sinne haben informelle Kontakte in Polen eine ausserordentliche Bedeutung und sind manchmal ebenso wichtig wie die formalen Vereinbarungen», erklärt Katalin Dreher-Hajnal. Der beste Rat ist, so früh wie möglich einen verlässlichen Partner vor Ort zu finden. Dies hilft dabei, im neuen Markt unter kommerziellen und kulturellen Aspekten sicher aufzutreten.

Der Swiss Business Hub Polen bietet zusammen mit Switzerland Global Enterprise jährlich Beratung für über 100 Schweizer Unternehmen über die Geschäftsmöglichkeiten in Polen. Wir unterstützen Projekte von etwa 40 Unternehmen im Land, und zwar in erster Linie KMU; die Hauptaufgabe besteht oft darin, einen Vertriebspartner zu finden

erläutert Katalin Dreher-Hajnal. Der Swiss Business Hub ist in Zusammenarbeit mit der bilateralen Handelskammer auch bei der Organisation einiger Messeauftritte tätig, etwa für die Schweizer Pavillons auf der Ausstellung Mach-Tool in Posen oder beim Energiesalon Energetab in Bielsko-Biala. Die Teilnahme an diesen Messen ist sehr wertvoll und stärkt auch das Image der Schweiz in Bezug auf Innovation und Qualität.

Dieser Artikel wurde erstmals im Ticino Management im April 2017 veröffentlicht.

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