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Steigender Innovationsdruck: Exportierende KMU sind zentral für die Innovation

Karin Frick, Head Think Tank beim GDI, zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf das Geschäft von exportierenden Schweizer KMU, zum Zwang zur Innovation und warum das Arbeiten in Netzwerken massiv an Bedeutung gewinnen wird.

Ein Mann trägt eine Virtual Reality Brille.
Virtual Reality im Innovationspark Basel.

Frau Frick, Schweizer KMU machen über 99 Prozent aller Firmen in der Schweiz aus. Viele davon sind im Export tätig und sichern dadurch unseren Wohlstand. In mehreren Branchen gehören innovative Schweizer Unternehmen zu den Weltmarkt- und Qualitätsführern. Wie sehen Sie die Rolle der KMU in Zukunft?

Für die Innovation sind auch in Zukunft kleine Teams und kleine exportierende Unternehmen von zentraler Bedeutung. Das wird sich nicht ändern. Es sind kleine Einheiten, welche die Innovation antreiben, nicht Grossunternehmen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch schon vom neuen Zeitalter der Micro-Multinationals oder Born Globals – kleine oder mittelgrosse Firmen, die früh global expandieren und etablierte Player herausfordern. Aber natürlich ist dies von Branche zu Branche verschieden und hängt auch vom konkreten Produkt bzw. der Dienstleistung ab.

Wo liegen die Märkte der Zukunft?

Das hängt stark vom Geschäft ab. Tendenziell sind die Märkte global, also überall auf der Welt. Gleichzeitig gewinnen lokale Wertschöpfungsnetze an Bedeutung, was eine dezentrale und lokale Produktion nahe beim Kunden erlaubt – Stichwort Industrie 4.0. Eine neue Software oder technologie-nahe Produkte sind nicht nur lokal relevant, ein Konzept für neue Pflegedienstleistungen in der Schweiz hingegen schon. Wenn das neue Konzept funktioniert, kann es gegebenenfalls exportiert werden. Wachstumsmärkte mit einer Rising Middle Class bleiben weiterhin wichtig, vor allem für Konsumgüter und Prestigeprodukte. Insgesamt wird der Hunger nach hochwertigeren – immer besseren – Produkten und Lösungen bleiben.

Handeln wir in Zukunft nur noch online auf digitalen Plattformen?

Im Bereich Online-Plattformen zeigt sich ein Trend zur Konzentration: wenige Plattformen dominieren als sogenannte „Super-Hubs“. Über diese wiederum können lokale Geschäfte abgewickelt werden. Die heute weltweit grössten Unternehmen wie Amazon, Google oder Alibaba sind allesamt Online-Plattformen, für die das B2B-Geschäft wichtiger wird. Sie wollen, dass andere Anbieter ihre Plattformen nutzen, um ihre Produkte zu verkaufen, statt einen eignen Online-Shop zu entwickeln. Dafür schaffen sie die entsprechenden Voraussetzungen.

Ein KMU muss sich fragen, für welches Geschäft es einen Netzwerkeffekt benötigt. Im Technologiebereich zum Beispiel ist dieser zentral: Will jemand WhatsApp ersetzen, funktioniert dies nur, wenn man global aufgestellt ist und den globalen Markt beherrschen kann. Eine lokale Messaging-App nur für eine Stadt macht wenig Sinn. Ein Getränkehersteller hingegen kann mit einem Nischenprodukt, etwa lokalem Bier, erfolgreich sein, auch im Export.

Es ist aber auch denkbar, dass sich verschiedene kleine Anbieter zusammenschliessen und eine eigene globale Plattform bilden, wie zum Beispiel etsy.com, wo jeder selbstgemachte Sachen weltweit direkt verkaufen und kaufen kann. Morgen gibt es vielleicht mehr neue kollaborative Produktions- und Vertriebsgemeinschaften von Leuten, die die Vorteile eines lokalen Kleinunternehmens mit den Stärken eines globalen Unternehmens verbinden wollen. Das Matchmaking und die Koordination müssen hocheffizient sein, und dafür sind nur digitale Plattformen geeignet. Sie bieten auch Nischenanbietern eine Chance, gefunden zu werden. Robine Chase zeigt in ihrem Buch Peer Inc, sehr gut auf, wie so eine neue Ökonomie der Micro-Multinationals und des Crowdsourcings aussehen könnte.

Drucken wir in Zukunft unsere individualisierten Produkte alle im 3D-Drucker zuhause aus?

Mittelfristig ja. Alles, was sich produzieren lässt, wird früher oder später mit einem 3D-Drucker ausgedruckt werden können. Auch neue 3D-Drucker selbst, wenn man mit den Materialien soweit ist. Zuerst werden wir Non-Food-Artikel zu Hause produzieren – oder in einem 3D-Copyshop in der Nähe ausdrucken lassen, wenn wir die qualitativ etwas bessere Variante wollen.

Auch hochspezialisierte Teile, die nicht für die Massenproduktion bestimmt sind, werden künftig mit dem 3D-Drucker ausgedruckt, etwa Ersatzteile für die Weltraumfahrt. Für die Zulieferer der Maschinenindustrie ist das hochspannend: Es werden mehr Textil- oder Werkzeugmaschinen benötigt werden, wie zum Beispiel beim Wechsel vom Main Frame zum Personal Computer. Diese Drucker werden nicht mehr in grossen Fabriken, sondern in Copyshops stehen. Wie im Rahmen von Industrie 4.0 bereits zu beobachten ist, verschiebt sich die Produktion von grossen zentralen Fabriken in dezentrale kleinere Einheiten, die massgeschneidert produzieren können.

Stichwort Industrie 4.0: Wie sehen die neuen Formen der Zusammenarbeit aus?

Das „Neue“ ist noch nicht immer fassbar. Innovation findet nicht primär innerhalb eines Betriebes statt, sondern in der Art und Weise, wie man mit Partnern zusammenarbeitet. Auch die grossen Firmen betreiben nicht nur eigene Forschungs- und Entwicklungszentren, sondern schreiben Wettbewerbe aus. Wenn man ein Team zusammenstellen will, um einen 3D-Drucker für ein neues Kunststoffteil zu kreieren, dann reicht das interne Know-how weder bei einem KMU noch bei einem Grossunternehmen aus. Es werden immer ein Konsortium, Teams oder Plattformen dafür benötigt.

Mit der Digitalisierung haben wir ein Überangebot an smarten Technologien und Möglichkeiten. Wer eine Idee hat, braucht nicht mehr viel Kapital. Wichtig ist, dass eine Idee ausprobiert werden kann. Ein Beispiel: Ein neues Gastrokonzept für den Export von gesundem Fastfood muss entwickelt und getestet werden. Wenn es funktioniert und sich multiplizieren lässt, wird ein neues Geschäftsmodell daraus – und man vertreibt das Konzept dafür.

Switzerland Global Enterprise betreut im Auftrag des SECO Schweizer KMU im Export und informiert ausländische Investoren über den Wirtschaftsstandort Schweiz. Dies erfolgt über Informationsvermittlung, Beratung und das internationale Netzwerk. Ist der Berater ein Auslaufmodell?

Ein Teil der Beratungsdienstleistungen, wie Trendanalysen oder Rechtsberatung, können in Zukunft Maschinen oder Technologien übernehmen. Sie können Wissen systematischer organisieren, Dokumente schneller und genauer auswerten und gewisse Erkenntnisse daraus ziehen. Dies betrifft aber hauptsächlich Routineprozesse. Ein gutes Beispiel dafür ist Ross, der „artificially intelligent lawyer“ – ein Computerprogramm für künstliche Intelligenz, das IBM für die Rechtsberatung anbietet.

Es gibt aber auch Leistungen, die der Nutzer selber auf einer Plattform beziehen kann, Marktinformationen zum Beispiel. Wo es hingegen um Beziehungen geht und Vertrauen aufgebaut werden muss, bleibt der Berater wichtig. Persönliche Kontakte per se sind aber kein Mehrwert. Manchmal mache ich lieber etwas automatisch und brauche nicht immer den persönlichen Kontakt. Deshalb müssen alle Arten von Beratungsangeboten neu definiert werden – sei dies im Export, der Innovation, bei Trends oder dem Recht.

Wie erreichen KMU künftig ihre Kunden?

Soziale Netzwerke sind zentral. Wenn man ein Problem hat, wendet man sich bei der Suche nach Lösungen an Menschen, die man kennt und denen man vertraut. Das setzt eine neue Art des nicht-hierarchischen Denkens voraus. Der Trend geht von der Hierarchie zum Netzwerk. Firmen tendieren bereits heute dazu, mit einem kleinen Kern von Festangestellten und mehr Freischaffenden zu arbeiten. Es gibt weniger zentrale Autoritäten, bei denen die Information zusammenfliesst und die alles entscheiden. Im Unterschied zur Hierarchie kann man im Netzwerk nicht auf Anhieb erkennen, wer Einfluss hat. Denn Follower-Zahlen oder Likes sagen zu wenig über die Qualität aus. Im Netzwerk kommt es auf gute Beziehungen an; eine einsame Position wie an der Spitze einer Hierarchie ist im Netzwerk nichts wert. Einfluss hat nur, wer eine Reaktion auslösen kann, denn in einem nicht-hierarchischen Netzwerk kann niemand etwas befehlen.

Wo besteht für KMU der wichtigste Handlungsbedarf?

Der Innovationsdruck steigt. Für exportierende KMU gilt es, sich bewusst zu werden, dass sie handeln müssen. KMU müssen sich Fragen stellen wie: Kann ich mein Geschäftsmodell allein neu erfinden? Wie kann ich ein innovationsfreudiges Klima schaffen, mutiger sein, Dinge ausprobieren? Wie kann ich den Schritt vom Produzenten zum Dienstleister schaffen? Für die Neuausrichtung braucht es konkrete Beispiele, an denen sich KMU orientieren können. Tendenziell stürzen sich Schweizer KMU nicht auf die neusten technologischen Entwicklungen, sondern sind eher zurückhaltend. Man muss aber künftig in neuen Kategorien der Vernetzung und Kooperation denken. Die Innovationskraft und das Wissen bei exportierenden KMU sind vorhanden. Jetzt gilt es, die richtigen Partner für die richtige Zusammenarbeit zu finden.

Aussenwirtschaftsforum am 18. Mai 2017

Diskutieren Sie mit uns am Aussenwirtschaftsforum über dieses Thema und hören Sie spannende Impulse von unseren hochkarätigen Speakern. Mehr Informationen!

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Über Karin Frick

Karin Frick ist Forschungsleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Institutes und befasst sich seit ihrem Studium an der Universität St. Gallen (HSG) in verschiedenen Funktionen mit Zukunftsthemen, gesellschaftlichem Wandel, Innovation und Veränderungen von Menschen und Märkten. Sie war Chefredaktorin der renommierten Vierteljahresschrift «GDI Impuls» und Geschäftsführerin der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung (swissfuture). Frick analysierte im Auftrag namhafter Firmen Trends im Konsumgüter- und Dienstleistungsbereich.

Über das GDI

Das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) ist ein unabhängiger Think Tank für Wirtschafts-, Gesellschafts- und Konsumfragen. Das Trendforschungsinstitut mit Sitz in Rüschlikon bei Zürich ist die älteste Denkfabrik der Schweiz. Das GDI ist Teil der Stiftung «Im Grüene». Gemäss Auftrag von Gottlieb Duttweiler soll die Non-Profit-Organisation ein «Ort der Besinnung und Begegnung» sein, mit dem Ziel, «wissenschaftliche Forschung auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet» durchzuführen. www.gdi.ch

GDI Impuls: Aktuelle Ausgabe zum Thema Digitalisierung und Führen in Netzwerken

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