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Heiner Mikosch, KOF: «Innovationen spielen auch in reifen Märkten eine entscheidende Rolle»

USA, Kanada, Europa und Japan: Das sind Länder und Regionen mit entwickelten Volkswirtschaften und reifen Märkten. Aber wie wichtig sind diese Märkte für die Weltwirtschaft wirklich? Wie gross ist das Risiko eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs? Wo liegen die Potenziale für die Schweizer Exportwirtschaft? Ein Interview mit Heiner Mikosch, Leiter der Abteilung International Forecasts der Konjunkturforschungsstelle KOF an der ETH Zürich.

Heiner Mikosch
Heiner Mikosch

Heiner Mikosch, wie würden Sie an der KOF reife Märkte charakterisieren?
Der Begriff «reifer Markt» wird mit unterschiedlichen, aber oft verwandten, Bedeutungen und in verschiedenen Zusammenhängen verwendet. Einige Autoren bezeichnen einen reifen Markt als einen Markt mit wenig Innovation. Ein Markt mit wenig Innovation muss nicht zwangsläufig langsam wachsen und ein Markt mit langsamem Wachstum muss nicht unbedingt wenig Innovatives hervorbringen, die beiden Definitionen sind also nicht unbedingt deckungsgleich. In der Volkswirtschaftslehre und an der KOF ist der Begriff «reifer Markt» nicht üblich. Stattdessen klassifizieren wir Volkswirtschaften oder Länder entsprechend der Höhe ihres BIP pro Kopf entweder als «Industrienationen», «Schwellenmärkte» oder «Entwicklungsländer». Es ist wichtig zu beachten, dass Industrienationen nicht unbedingt langsamer als Schwellenmärkte oder Entwicklungsländer wachsen.

Welche wirtschaftliche Entwicklung erwartet die KOF in Industrienationen wie den USA, Europa und Japan?
Das potenzielle Wachstum liegt bei geschätzten 2 % in den USA, rund 1,8 % in Europa und rund 0,7 % in Japan. Mittel- bis langfristig wird das potenzielle Wachstum in der EU und in Japan voraussichtlich sinken. Diese Entwicklung lässt sich jedoch in erster Linie auf einen Rückgang der Erwerbsbevölkerung (durch die alternde Bevölkerung) zurückführen und nicht auf eine zukünftig geringere Faktorproduktivität in diesen Ländern. Makroökonomen betrachten Innovationen, die technologische Prozesse und damit das Wirtschaftswachstum fördern, als zufällige und unvorhersehbare Ereignisse, als sogenannte «Technologie-Schocks». Daher scheint es schwierig, hier Prognosen zu erstellen.

Wie wahrscheinlich ist in Industrienationen einerseits ein wirtschaftlicher Zusammenbruch, andererseits der wirtschaftliche Erfolg?
Langsam wachsende Industrienationen sind oft stabiler als wachstumsstarke Schwellenländer. Im Wesentlichen ist die Volatilität des Wachstums in Industrienationen geringer als in Schwellenländern. Das bedeutet, dass ein wirtschaftlicher Zusammenbruch, aber auch aussergewöhnliches Wachstum in langsam wachsenden Industrienationen weniger wahrscheinlich ist als in wachstumsstarken Schwellenländern.

Allein die Tatsache, dass ein Markt reif ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Potenzial, in diesem Markt hohe Gewinne zu erzielen, gering ist.

Ist es eher wahrscheinlich, dass Märkte, die sich in der Phase eines «reifen Marktes» befinden, in einen Abschwung eintreten, als jene in der Phase eines «Wachstumsmarktes»?
Das ist eine interessante Frage. Tatsächlich stellt sich hier eine weitere Frage: Ist die vereinfachte Darstellung des Phasenzyklus von Märkten (von Wachstum über Reife bis hin zum Abschwung) realitätsgetreu oder können Märkte von einer Wachstumsphase direkt in einen Abschwung wechseln und können sie von der Reifephase wieder zurück in die Wachstumsphase gelangen? Meiner Ansicht nach entspricht diese vereinfachte Darstellung der Phasen eines Marktes häufig nicht den schubweisen und spezifischen Entwicklungen einzelner Märkte in der Realität. Ich sehe das so: Ein Wechsel eines Marktes von einer Phase in eine andere kann von verschiedenen Auslösern ausgehen, darunter die Umsetzung von Innovationen, regulatorische Veränderungen oder Änderungen des Verbraucherverhaltens. Aus einer langfristigen Perspektive sind Innovationen und regulatorische Veränderungen aus meiner Sicht oft am besten als eigenwillig und weitgehend unvorhersehbar einzustufen.

Sehen Sie Potenzial für Schweizer Unternehmen in reifen Märkten?
Auf jeden Fall. Allein die Tatsache, dass ein Markt reif ist – also dass er in Bezug auf den Umfang der Wertschöpfung nur langsam wächst – bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Potenzial für hohe Gewinne (das Ziel der meisten Unternehmen) in diesem Markt gering ist. Aus meiner Sicht spielen Innovationen auch in reifen Märkten eine entscheidende Rolle. Ein einfaches Beispiel, um diese These zu stützen: Ein Unternehmen, das seine Produktivität relativ zur Produktivität seiner Mitbewerber (beispielsweise durch Innovation) erhöht, kann seine Produkte zu niedrigeren Preisen anbieten oder qualitativ hochwertigere Ausführungen seiner Produkte herstellen. Daher wird das Unternehmen wahrscheinlich seinen Marktanteil erhöhen und damit seine Profite, obwohl der Markt insgesamt nicht wächst.

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