Exportwissen

“Scope-3-Emissionen lassen sich gut am Standort steuern“

Interview mit Lisa Bernegger, Consultant bei Swiss Climate und Expertin für CO2-Bilanzen rund um Scope-3-Emissionen

Der Klimawandel und – als Folge – die weltweiten Dekarbonisierungsbemühungen erfordern von der Wirtschaft weitere Anstrengungen und eine Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dabei rücken die Scope-3-Emissionen, also die indirekten Emissionen, die in der Lieferkette eines Unternehmens entstehen, stärker in den Fokus.

Scope-3-Emissionen

Eine Vielzahl von Unternehmen haben sich ein Netto-Null-Ziel bis 2050 gesetzt. Dabei müssen gemäss dem Net-Zero-Standard der Science Based Targets initiative (SBTi) die Emissionen aller Scopes auf ein Minimum reduziert werden.

Obwohl die Scope-3-Emissionen immer mehr an Wichtigkeit gewinnen, ist es insbesondre bei komplexen Wertschöpfungsketten nicht immer klar, in welcher Kategorie die Emissionen erfasst werden müssen.

Fürs exportorientierte KMU erhalten die Scope-3, Kategorie-4-Emissionen eine hohe Relevanz.  In diese Kategorie fallen sämtliche Dienstleistungen des Transports oder der Verteilung, die durch Unternehmen eingekauft werden. Falls ein Unternehmen nicht selbst für Transport und Export bezahlt, fallen diese Emissionen in die Scope-3, Kategorie-9-Emissionen und werden dort erfasst.

Lisa Bernegger, Consultant bei Swiss Climate und Expertin für CO2-Bilanzen, klärt die wichtigsten Fragen bezüglich Scope-3-Emissionen die beim Exportgeschäft von KMU anfallen.

Welche konkreten Vorteile bieten sich einem Unternehmen, wenn es seine Scope-3-Emissionen erfasst und warum lohnt sich das für ins Ausland exportierende KMU besonders?

Gerade für ins Ausland exportierende KMU steigt der Druck, welcher sich in den Lieferketten durch gesetzliche oder regulatorische Anforderungen ergibt. Mit der Erfassung der Scope-3-Emissionen können Unternehmen die Berichtsfähigkeit gegenüber Kunden und anderen Stakeholdern erhöhen und stärken dadurch ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit und Position am Markt.  Durch eine Scope -3-Datenerfassung und der daraus resultierenden erhöhten Transparenz entlang der Wertschöpfungskette, ergeben sich oftmals auch Optimierungen in den Prozessen und damit finanzielle Einsparungen.  

Mit welchen Herausforderungen konfrontiert sich ein Unternehmen mit Exporttätigkeit bei der Bilanzierung seiner Scope-3-Emissionen?

Oft wird angenommen, dass Scope-3-Emissionen generell schwer zu beeinflussen sind und Massnahmen nicht leicht umgesetzt werden können. In der Praxis sehen wir aber, dass dem nicht so ist. Viele Scope-3-Emissionen lassen sich gut steuern und Reduktionsmassnahmen können von Unternehmen gezielt umgesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise Emissionen aus Abfall, Geschäftsfahrten, eingekauften Gütern oder Bereitstellung der Energie.

Um den Aufwand in der Datenerhebung zu senken und den Fokus auf die wichtigsten Aktivitäten zu setzten, ist eine Priorisierung der Emissionsquellen die Basis. In einer Erstbilanzierung der Scope-3-Emissionen kann der Fokus beispielsweise auf den Export eines der wichtigsten Produkte oder auf einen wichtigen Kunden gelegt werden. Die Scope-3-Emissionen sind per Definition immer die Scope-1- und Scope-2-Emissionen von anderen Stakeholdern wie Lieferanten oder Kunden. Um Massnahmen im Scope-3 umzusetzen und die Emissionen zu reduzieren, ist daher die Zusammenarbeit mit Dritten wie Lieferanten, Geschäftspartner, Kunden und Mitarbeitenden eine Voraussetzung. 

Welches Vorgehen würdest Du einem KMU beim Setzen eines Klimaziels empfehlen und welche Faktoren müssen dabei besonders beachtet werden?

Um ein Klimaziel zu setzen, gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Ansätze: Bottom-up und Top-Down.

Bei einem Bottom-up Ansatz liegt der Fokus auf internen Einflüssen und das Ziel ist geprägt von geplanten Massnahmen und Reduktionspotentialen. Um die erwarteten Emissionsveränderungen abzuschätzen, müssen neben den geplanten Massnahmen auch exogene Effekte, beispielsweise die Anpassungen im Strommix, oder organisatorische Veränderungen, wie die Übernahmen von Unternehmensteilen, berücksichtigt werden. Um ein Ziel zu bestimmen, werden die Emissionsveränderungen in einem Wasserfall-Diagramm dargestellt, um so den Beitrag der einzelnen Einflüsse zu quantifizieren.

Bei dem Top-Down Ansatz wird ein Ziel gemäss äusseren Einflüssen im Kontext von wissenschaftsbasierten Zielen wie der SBTi, der Schweizer Klimapolitik oder von den Zielen von Mitbewerbern geprägt. Um ein Ziel gemäss der SBTi zu setzen, gibt es für KMU spezifische Richtlinien. Dabei müssen die Scope-3-Emissionen bilanziert, aber ein Reduktionsziel nur für Scope-1 und Scope-2 gesetzt werden.  

Bei der Wahl von einem der beiden Reduktionzielansätze ist ausserdem zu bedenken, dass die Einhaltung der weltweit vereinbarten 1.5°C-Grenze auch die langfristige Wettbewerbsfähigkeit sichern kann.

Sind KMU aus Deiner Sicht besondere Potentialträger in Hinblick auf die Reduktion von Scope-3-Emissionen?

Wie oben erwähnt, sind die Scope-3-Emissionen eines Unternehmens, per Definition jeweils die Scope-1- und Scope-2-Emissionen von anderen Stakeholdern. Immer mehr grosse Unternehmen verpflichten sich dazu, ihre Scope-3-Emissionen zu senken. Diese Unternehmen gehen dann auf ihre Stakeholder in der Wertschöpfungskette zu und fordern sie auf, ihre Emissionen ebenfalls auszuweisen und zu reduzieren. Ins Ausland exportierende KMU nehmen dabei eine zentrale Rolle in dieser Wertschöpfungskette ein. Sie bilden eine Verlinkung zwischen Kunden und Produzenten und können im Rahmen der CO2-Bilanzierung die Datenbeschaffung und die Zusammenarbeit zwischen diversen Stakeholdern fördern. In der Schweiz sind über 99 % aller Unternehmen KMU, diese bilden somit ein grosses Netzwerk an Akteuren und sind entscheidende Potentialträger. Eine Reduktion der Scope-3-Emissionen lässt sich nur erzielen, wenn alle Akteure sich austauschen, die Transparenz erhöhen und gemeinsam an einer Lösung arbeiten.

Swiss Climate

Als führendes Beratungsunternehmen in Bern, Zürich, Genf, Naters und Hamburg unterstützt Swiss Climate Unternehmen und Gemeinden im Aufbau eines CO2-Managements, in den Bereichen Nachhaltigkeitsstrategie oder -bericht sowie in den Themen Energie und CO2-Kompensation.

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