
Mehmet Kale, Creative Technology Manager
1. Juli 2026

Der globale Markt für Lebensmittel mit Zusatznutzen wächst schnell. Wer mit sauberem Claims-Ansatz exportiert, hat einen Vorteil. Wer es nicht tut, zahlt doppelt.
Probiotische Joghurts, proteinangereicherte Müsliriegel, zuckerreduzierte Sportgetränke, "free from" Snacks für Allergiker: Functional Food ist eines der wachstumsstärksten Segmente des globalen Lebensmittelmarkts. Bis 2030 wird er auf über 580 Milliarden Dollar anwachsen, mit einem jährlichen Wachstum von 8 bis 11 Prozent je nach Subkategorie. Darm- und Mikrobiomprodukte wachsen mit 12 bis 13 Prozent am schnellsten, Performance Nutrition und Proteinanreicherung folgen.
Das Wachstum ist real. Aber der Einstieg ist anspruchsvoller als in vielen anderen Lebensmittelkategorien, denn Functional Food ist regulatorisch eines der komplexesten Exportfelder überhaupt. Was in der Schweiz auf dem Label stehen darf, ist in Deutschland erlaubt, in Grossbritannien genehmigungspflichtig und in den USA möglicherweise ein Compliance-Problem. Wer das unterschätzt, produziert teure Relabeling-Aufwände, riskiert Rückweisungen an der Grenze und verliert Marktvertrauen in einem Segment, das auf Glaubwürdigkeit aufgebaut ist.
Die Nachfrage wächst aus mehreren Richtungen gleichzeitig. Der wichtigste Treiber ist strukturell: Die Bevölkerung in Europa, Nordamerika und Asien altert, und mit dem Alter steigt das Interesse an Lebensmitteln, die mehr leisten als nur sättigen. Knochen- und Muskelgesundheit, kognitive Funktion, Darmgesundheit als Basis für allgemeines Wohlbefinden: Das sind keine Randthemen mehr, sondern Hauptanliegen einer wachsenden Konsumentengruppe.
Parallel dazu hat sich die Wahrnehmung von Ernährung grundlegend verändert. Rund 62 Prozent der Konsumenten weltweit wollen Transparenz über Inhaltsstoffe, mehr als die Hälfte liest aktiv das Etikett. Die Nachfrage nach "clean label" Produkten, also nach Lebensmitteln mit nachvollziehbaren, möglichst kurzen Zutatenlisten, wächst jedes Jahr. Und staatliche Regulierung verstärkt diesen Trend: Grossbritannien hat die Zuckersteuer 2025 auf Milchgetränke ausgeweitet, die WHO treibt weltweit Abgaben auf zuckerreiche Produkte voran, der Nahe Osten führt gestufte Besteuerungsmodelle ein. Das schafft strukturellen Rückenwind für zuckerreduzierte Rezepturen und funktionale Alternativen. Für Schweizer Hersteller besonders relevant: Produkte mit wissenschaftlich belegtem Zusatznutzen werden im B2B-Bereich zunehmend aktiv nachgefragt. Industriekunden und Handelsketten verlangen substanziierte Claims, keine Marketingversprechen.

"Swiss Made" ist im Functional Food Segment ein Wert, der funktioniert. In Asien und dem Nahen Osten, wo Schweizer Herkunft mit Qualität, Sicherheit und Präzision assoziiert wird, schafft sie Differenzierung gegenüber generischen europäischen Produkten. Das Schweizer FoodTech-Ökosystem ist in den letzten vier Jahren um 65 Prozent gewachsen, getragen von ETH Zürich, EPFL und einem dichten Netz aus Forschungspartnern und Startups. Biotta aus dem Kanton Thurgau exportiert seit über 40 Jahren in die USA und in mehr als 40 Länder. SPONSER Sport Food produziert Swiss-Made Sportnahrung für internationale Marken. HOCHDORF ist im B2B-Markt für Molkenprotein und funktionale Milchpulver aktiv.
Was diese Unternehmen gemeinsam haben: Sie haben früh verstanden, dass der Schweizer Qualitätsanspruch ohne regulatorische Sorgfalt im Export seinen Wert verliert. Ein Produkt, das wegen fehlerhafter Claims am US-Zoll zurückgewiesen wird, wird nicht als Schweizer Qualitätsprodukt wahrgenommen. Es wird als nicht compliant eingestuft.
Das grösste Risiko im Functional Food Export ist nicht das Produkt, sondern das Label. Präziser: es ist die Annahme, dass ein in der Schweiz rechtmässiges Label in anderen Märkten gilt.
In der Schweiz sind gesundheitsbezogene Angaben im Anhang der Lebensmittelinformationsverordnung (LIV) geregelt, der weitgehend mit dem EU-Recht harmonisiert ist. Wer für die Schweiz und die EU gleichzeitig produziert, fährt gut damit, die EU-Verordnung 1924/2006 als Grundlage zu nehmen. Die EFSA, die europäische Lebensmittelbehörde, hat von über 2'300 eingereichten Health Claims nur rund 267 zugelassen; die Ablehnungsquote liegt bei fast 90 Prozent. Wer einen Claim nutzen möchte, der nicht auf der zugelassenen Liste steht, braucht ein eigenes Zulassungsverfahren, das drei bis fünf Jahre dauert und umfangreiche klinische Studien erfordert.
Botanische Stoffe sind ein besonders heikles Feld. Viele pflanzliche Claims, von Echinacea über Ginkgo bis Baldrian, sind in der EU formal "on hold": sie wurden eingereicht, aber noch nicht bewertet. Einige Mitgliedstaaten tolerieren diese Claims nach nationalem Recht, andere nicht. Für die Schweiz gilt: Es gibt keine entsprechende Übergangsregelung. Claims, die in der EU "on hold" sind, haben in der Schweiz keinen Bestandsschutz. Wer sie nutzen will, braucht eine Einzelzulassung beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen.
In den USA ist der Zugang zu Claims strukturell anders geregelt. Sogenannte Structure/Function Claims, also Aussagen über die Rolle eines Nährstoffs für normale Körperfunktionen, benötigen keine FDA-Vorabgenehmigung für konventionelle Lebensmittel. Das macht den US-Markt für Hersteller zugänglich, die auf EU-Ebene im Genehmigungsstau stecken. Aber: Jede Formulierung, die eine Krankheitsrisikoreduktion impliziert, ist sofort ein Health Claim mit vollständigem FDA-Zulassungsverfahren. Die Grenze zwischen erlaubtem und nicht erlaubtem Claim ist im US-Markt feiner als erwartet.
Grossbritannien hat seit dem Brexit einen eigenen Weg eingeschlagen. Alle EU-Claims, die vor dem 1. Januar 2021 zugelassen waren, gelten im GB. Neue EU-Claims, die nach diesem Datum genehmigt wurden, brauchen eine separate Beantragung beim britischen UKNHCC. Wer ein Produkt für EU und GB gleichzeitig herstellt, hat zudem ein Verpackungsproblem: Grossbritannien verlangt eine britische Geschäftsadresse auf dem Label, eine EU-Adresse reicht nicht mehr. Titandioxid (E171) ist in der EU als Lebensmittelzusatzstoff verboten, in Grossbritannien bislang weiterhin zugelassen. Eine einzige Rezeptur für beide Märkte ist in manchen Fällen schlicht nicht möglich.
Europa ist der natürliche erste Exportmarkt für Schweizer KMU: keine Zölle, gleiche regulatorische Basis, kulturelle Nähe. Deutschland, Österreich und die Benelux-Länder sind die nächsten Schritte für Hersteller, die auf dem Schweizer Markt Fuss gefasst haben.
Der Nahe Osten bietet überproportionales Potenzial für clean-label, zuckerreduzierte und halal-zertifizierte Produkte. Saudi-Arabien und die UAE führen gestaffelte Zuckerbesteuerung ein; das schafft strukturelle Nachfrage für funktionale Alternativen.
Asien-Pazifik ist das grösste Wachstumsvolumen: 40 Prozent des globalen Functional Food Markts, mit einem jährlichen Wachstum von fast 11 Prozent. Japan hat eines der ausgefeiltesten regulatorischen Frameworks für funktionale Lebensmittel weltweit (FOSHU-System) und eine ausgeprägte Zahlungsbereitschaft für wissenschaftlich belegte Produkte mit europäischem Herkunftssignal.
Die USA bleiben der grösste Einzelmarkt, mit hohem Preisniveau für differenzierte Produkte und einem für Schweizer Hersteller gut navigierbaren regulatorischen Zugang über Structure/Function Claims.
Der richtige Ansatz hängt vom Zielmarkt ab, aber es gibt eine klare Grundregel: Das Compliance-Setup entscheidet früher im Prozess, ob ein Exportprojekt trägt oder nicht.
Wer primär in die EU und Grossbritannien exportiert, baut auf der EU-Verordnung 1924/2006 auf, prüft den britischen Sonderstatus bei jeder Rezeptur und vermeidet botanische Claims, die auf nicht gesichertem Boden stehen. Wer in die USA geht, formuliert Claims als Structure/Function Claims und streicht Formulierungen, die im EU-Kontext selbstverständlich wirken, aber in den USA in ein FDA-Zulassungsverfahren führen.
Wer mehrere Märkte gleichzeitig bedienen will, plant von Anfang an mehrere Label-Versionen ein, nicht als nachträgliche Korrektur, sondern als Teil der Markteintrittsstrategie. Die Kosten für ein sauberes Regulatory Setup vorab sind ein Bruchteil der Kosten für eine Marktrücknahme oder ein Relabeling im laufenden Betrieb.
Switzerland Global Enterprise unterstützt Schweizer Lebensmittelunternehmen bei der Vorbereitung und Umsetzung von Exportprojekten: von der Marktauswahl und Zielgruppenanalyse über die Einführung in lokale Handels- und Zertifizierungsanforderungen bis zur Begleitung an internationalen Fachmessen und Fact-Finding-Missionen.
Bastien Bovy
Consultant, Switzerland Global Enterprise