Analysis

Die Silver Economy eröffnet neue Exportmärkte für Gesundheit

Switzerland Global Enterprise

23. Juli 2026

silver economy

Für Schweizer Life-Science-Unternehmen entstehen die besten Chancen dort, wo alternde Gesellschaften mit mehr chronischen Erkrankungen, Personalmangel und steigenden Kosten konfrontiert sind. Gefragt sind nicht einfach Produkte für ältere Menschen, sondern Lösungen, die Selbstständigkeit verlängern und knappe Versorgungskapazitäten wirksamer einsetzen.

Die globale Alterung ist bekannt. Ihre wirtschaftliche Bedeutung wird dennoch häufig unterschätzt oder auf Konsumgüter für eine kaufkräftige Generation 65 plus reduziert. Für die Life-Science-Industrie liegt die grössere Chance an anderer Stelle: Gesundheitssysteme müssen mehr Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen versorgen, obwohl Personal, Betten und finanzielle Spielräume knapp sind. 

Die Vereinten Nationen erwarten, dass Mitte der 2030er-Jahre weltweit 265mn Menschen mindestens 80 Jahre alt sein werden. Damit dürfte es erstmals mehr Menschen in dieser Altersgruppe als Säuglinge unter einem Jahr geben. Bis Ende der 2070er-Jahre dürfte die Zahl der Menschen ab 65 auf 2.2 Milliarden steigen. Gleichzeitig waren nichtübertragbare Krankheiten 2021 für 75% der weltweiten Todesfälle verantwortlich. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronische Atemwegserkrankungen und Diabetes prägen deshalb zunehmend den Bedarf an Technologien und Therapien. 

Für Schweizer Anbieter ist dies kein einzelner Markt, sondern eine neue Nachfragestruktur. Sie begünstigt präzise Diagnostik, minimalinvasive Eingriffe, anwenderfreundliche Darreichungsformen, Mobilitätslösungen, Rehabilitation sowie digitale Systeme für die Versorgung zu Hause. Entscheidend ist nicht allein das Alter der Nutzer. Entscheidend ist, ob eine Lösung Hospitalisierungen verhindert, Fachkräfte entlastet oder älteren Menschen ermöglicht, länger selbstständig zu leben. 

Vier Engpässe schaffen konkrete Nachfrage

Viele Gesundheitssysteme wollen ältere Menschen nur dann in kostenintensiven Akutstrukturen behandeln, wenn dies klinisch erforderlich ist. Das schafft Nachfrage nach vernetzten Blutdruck-, Herzrhythmus-, Glukose- und Atemwegsmonitoren, Point-of-Care-Diagnostik, Telecare, Medikamentenmanagement und Geräten für die Heimtherapie. 

Singapur zeigt, wie konkret dieser Wandel ist. Bis 2030 dürfte mehr als ein Viertel der Bevölkerung mindestens 65 Jahre alt sein. Laut der U.S. International Trade Administration könnte die nationale Gesundheitsausgabe bis dahin auf rund 44 Milliarden USD steigen. Zugleich soll die Versorgung stärker zu Hause und ambulant stattfinden. Die Behörde nennt Telemedizin, Telecare, künstliche Intelligenz, Fernüberwachung, Prävention und integrierte Versorgung als Wachstumsfelder. Mehr als 80% der lokalen Nachfrage nach Medizintechnik werden durch Importe gedeckt. Für einen Schweizer Anbieter kann Singapur daher zugleich Absatzmarkt, klinischer Referenzstandort und Ausgangspunkt für Südostasien sein. 

Die Exportchance liegt allerdings selten im Sensor allein. Krankenhäuser und Kostenträger beschaffen zunehmend vollständige Versorgungslösungen: Gerät, Software, Alarmmanagement, klinischer Arbeitsablauf, Schulung und Nutzennachweis. Ein einzelnes Blutdruckmessgerät ist leicht austauschbar. Ein validiertes System, das Verschlechterungen früh erkennt und nur klinisch relevante Fälle an eine Pflegefachperson weiterleitet, ist deutlich schwerer zu ersetzen. 

In alternden Gesellschaften steigt nicht nur die Zahl der Patienten. Auch ein erheblicher Teil des Gesundheitspersonals nähert sich dem Ruhestand. Technologien sollten deshalb nicht primär Personal ersetzen, sondern dessen knappe Zeit wirksamer einsetzen. 

Daraus entstehen Chancen für automatisierte Probenverarbeitung, KI-gestützte Bildanalyse, klinische Entscheidungsunterstützung, robotische Rehabilitation, digitale Triage und Dokumentationssysteme. Besonders attraktiv sind Lösungen, die Routinearbeit reduzieren, ohne zusätzliche Schnittstellen, Alarme oder Dokumentationspflichten zu schaffen. 

Japan ist hierfür ein wichtiger Referenzmarkt. Knapp 30% der Bevölkerung sind mindestens 65 Jahre alt. Das Land verbindet einen hohen medizinischen Standard mit ausgeprägtem Arbeitskräftemangel. Für Schweizer Medtech- und Digital-Health-Unternehmen sind deshalb Produkte interessant, die Pflege, Diagnostik und Rehabilitation skalierbarer machen. Der Markteintritt bleibt anspruchsvoll. Ausländische Hersteller müssen das Verfahren über einen japanischen Marketing Authorization Holder oder einen benannten japanischen Hersteller abwickeln. Die Pharmaceuticals and Medical Devices Agency prüft zulassungspflichtige Produkte, während das Ministry of Health, Labour and Welfare über die Zulassung entscheidet. Ein Vertriebspartner allein deckt diese regulatorischen und operativen Aufgaben nicht zwingend ab. Erfolgversprechender ist ein Verbund aus klinischem Referenzzentrum, regulatorisch verantwortlichem Partner sowie einem Unternehmen für Service und Integration. 

Ältere Patienten leben häufig mit mehreren Erkrankungen. Sie nehmen verschiedene Medikamente, werden von mehreren Fachrichtungen behandelt und sind besonders anfällig für Fehlmedikation oder Versorgungslücken. Das erhöht den Wert von Lösungen, die Informationen zusammenführen und Behandlungsentscheidungen unterstützen. 

Für Pharmaunternehmen erweitert sich damit das Angebot über das Arzneimittel hinaus. Mögliche Bestandteile sind vorgefüllte Injektionssysteme, Erinnerungs- und Adhärenzlösungen, Biomarker zur Therapiekontrolle sowie die Fernüberwachung von Nebenwirkungen. Für Diagnostikunternehmen entstehen Chancen bei Panels und dezentralen Tests, die klinische Entscheidungen beschleunigen. Medtech-Anbieter können Implantate oder chirurgische Systeme mit Plattformen für die Nachsorge verbinden. 

Die Schweiz verfügt hier über eine ungewöhnlich dichte Wertschöpfungskette. Unternehmen wie Roche in der Diagnostik, Sonova bei Hörlösungen, Ypsomed bei Selbstinjektionssystemen zeigen, dass Schweizer Kompetenzen mehrere Engpässe alternder Gesundheitssysteme abdecken. Für kleinere Unternehmen liegt die Chance oft nicht darin, diese Konzerne zu kopieren. Sie können spezialisierte Komponenten, Algorithmen, Biomarker oder Therapiebausteine anbieten, die sich in bestehende Plattformen integrieren lassen. 

«Gesundes Altern» klingt attraktiv, ist als Verkaufsargument aber zu ungenau. Kostenträger finanzieren Prävention eher, wenn sie ein messbares Risiko senkt, etwa einen Sturz, Schlaganfall, eine Dekompensation, eine Wiederaufnahme ins Spital oder einen verfrühten Eintritt ins Pflegeheim. 

Damit werden bisher unterschätzte Felder exportrelevant. Dazu gehören die frühe Erkennung von Vorhofflimmern, kontinuierliche Blutdruckmessung, Sturzrisikoanalysen, Tests zur Beurteilung von Muskelkraft und Mobilität, Hörscreening, kognitive Tests und Ernährungsinterventionen. Der gemeinsame Nenner ist ein klar definierter klinischer und gesundheitsökonomischer Endpunkt. 

Ein Schweizer Digital-Health-Unternehmen sollte deshalb nicht mit «KI für gesundes Altern» in den Markt gehen. Überzeugender wäre eine Aussage wie: «Unsere Lösung erkennt bei Patienten mit Herzinsuffizienz ein erhöhtes Dekompensationsrisiko so früh, dass das Behandlungsteam intervenieren kann.» Eine solche Hypothese lässt sich in einer Pilotstudie prüfen, für eine Vergütungsentscheidung aufbereiten und gegenüber der Spitalleitung begründen. 

Wo sich der Markteintritt besonders lohnt

Nicht jedes stark alternde Land ist automatisch ein guter Exportmarkt. Entscheidend sind fünf Faktoren: Zahl der betroffenen Patienten, Zahlungsfähigkeit, Vergütung, Zugang zu klinischen Partnern und regulatorischer Aufwand. 

Deutschland ist für viele Schweizer Unternehmen ein naheliegender erster Schritt. Es ist Europas grösster Gesundheitsmarkt, geografisch nah und wegen seiner alternden Bevölkerung besonders relevant. Chancen bestehen in der ambulanten Versorgung, Pflegeentlastung, Rehabilitation, Diagnostik und bei digitalen Anwendungen. Doch eine CE-Kennzeichnung ermöglicht den Marktzugang, schafft aber noch keine Nachfrage oder Vergütung. Unternehmen müssen früh klären, wer zahlt, welcher Versorgungspfad betroffen ist und welche Evidenz je nach Produkt und Zugangsweg der Gemeinsame Bundesausschuss, Krankenkassen, Leistungserbringer oder Beschaffungsstellen erwarten. 

Die USA bieten das grösste kommerzielle Skalierungspotenzial, insbesondere bei chronischen Erkrankungen, häuslicher Überwachung, Diagnostik und spezialisierten Medizintechnikprodukten. Der Markt ist jedoch kein einheitliches System. Zulassung, Kodierung, Erstattung und Vertriebszugang sind getrennte Aufgaben. Für digitale Anbieter kann es sinnvoller sein, zunächst mit einem Gesundheitsdienstleister oder Anbieter von Seniorenversorgung zu arbeiten, statt sofort landesweit an Versicherer zu verkaufen. Ein eng umrissener Anwendungsfall mit belegter Senkung der Wiederaufnahmerate kann wertvoller sein als eine technisch breitere Plattform. 

Japan ist einer der anspruchsvollsten Referenzmärkte für Lösungen der Silver Economy. Produkte müssen zuverlässig, platzsparend und intuitiv sein. Benutzeroberflächen, Verpackung, Schulung und Kundendienst erfordern lokale Anpassung. Wer diese Hürde bewältigt, kann eine starke Referenz für weitere asiatische Märkte gewinnen. 

Mehrere Golfstaaten investieren in neue Versorgungskapazitäten und digitale Gesundheitsinfrastruktur. Chancen bestehen bei spezialisierten Kliniken, Diagnostik, Rehabilitation, häuslicher Versorgung und integrierten digitalen Angeboten. Öffentliche oder staatsnahe Gesundheitsgruppen gehören häufig zu den wichtigsten Abnehmern. Dies kann grössere Referenzprojekte ermöglichen, verlangt aber lokale Beziehungen, Ausschreibungskompetenz und verlässlichen Service. Ein Distributor ohne Zugang zu den tatsächlichen Entscheidern schafft wenig Wert. 

Fünf Überlegungen für den Markteintritt

Die Silver Economy ist weniger eine eigene Produktkategorie als ein Blick auf konkrete Versorgungsbedürfnisse. Für den Markteintritt können fünf Überlegungen hilfreich sein. 

Erstens lohnt es sich, den demografischen Trend in ein konkretes, finanziertes Versorgungsproblem zu übersetzen. Der Anteil älterer Menschen allein sagt noch wenig über das Marktpotenzial aus. Ebenso wichtig sind die möglichen Käufer, etwa Spitäler, Kostenträger, Pflegeorganisationen, Patienten, Apotheken oder Gesundheitsministerien, sowie die Budgets, aus denen eine Lösung finanziert werden kann. 

Zweitens kann lokale Evidenz den Marktzugang erleichtern. Eine in der Schweiz durchgeführte Studie liefert wichtige Daten zu Sicherheit und Leistung. Für Erstattungsentscheidungen im Ausland können ergänzende Erkenntnisse zu lokalen Arbeitsabläufen, Kosten und Nutzung relevant sein. Pilotprojekte gewinnen dadurch an Aussagekraft, wenn sie neben der technischen Funktion auch Effekte auf Pflegezeit, Adhärenz oder unerwünschte Ereignisse erfassen. 

Drittens verdient die Alltagstauglichkeit besondere Aufmerksamkeit. Kleine Schrift, komplizierte Registrierung oder häufiges Laden können die Nutzung erschweren. Lösungen für ältere Menschen profitieren daher von einem Design, das Veränderungen des Seh- und Hörvermögens, der Feinmotorik und der kognitiven Belastbarkeit berücksichtigt. Auch angemessene Zugriffsrechte für Angehörige und Fachpersonen können die Anwendung unterstützen. Altersgerechtes Design trägt damit zur Wirksamkeit im Versorgungsalltag bei. 

Viertens umfasst ein Angebot in der häuslichen Versorgung häufig mehr als das Produkt. Installation, Alarmmanagement, technische Unterstützung und der Umgang mit fehlenden Daten prägen den laufenden Betrieb. Für die Wahl lokaler Partner sind deshalb neben dem Vertriebszugang auch operative Fähigkeiten und klare Verantwortlichkeiten relevant. 

Fünftens sollten Datenschutz und Datennutzung gemeinsam betrachtet werden. Gesundheitsdaten sind sensibel, zugleich hängt der Nutzen digitaler Lösungen oft davon ab, dass relevante Informationen sicher in klinische Systeme gelangen. Eine frühzeitige Planung von Einwilligung, Rollen, Interoperabilität, Cybersicherheit und grenzüberschreitenden Datenflüssen kann spätere Anpassungen erleichtern und die internationale Skalierung unterstützen. 

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Die eigentliche Chance ist mehr gesunde und selbstständige Lebenszeit 

Die Silver Economy wird oft mit der Kaufkraft älterer Menschen begründet. Für Schweizer Life-Science-Unternehmen ist jedoch ein anderer Mechanismus wichtiger: Jeder zusätzliche Monat selbstständigen Lebens kann dazu beitragen, institutionelle Versorgung hinauszuzögern und Lebensqualität zu erhalten. Medizinischer Nutzen und wirtschaftlicher Wert können sich dadurch gegenseitig verstärken. 

Erfolgreich werden nicht jene Unternehmen sein, die das Alter am lautesten als Megatrend bezeichnen. Erfolgreich werden Anbieter, die einen Engpass genau benennen, ihre Wirkung lokal belegen und Produkt, Vergütung sowie Service als ein System planen. Die Schweiz ist dafür gut positioniert. Präzision, Zuverlässigkeit und klinische Qualität sind in der Versorgung älterer Menschen besonders wertvoll. Im Export zählen sie aber erst dann, wenn sie sich in weniger Spitaltagen, geringerem Arbeitsaufwand oder mehr selbstständiger Lebenszeit niederschlagen. 

Die Silver Economy ist kein einzelner Markt, sondern eine neue Nachfragestruktur. Für Schweizer Life-Science-Unternehmen entstehen Chancen dort, wo Lösungen die Versorgung entlasten, Selbstständigkeit verlängern und messbaren Nutzen schaffen.

Nicolas Panzer

Senior Manager Life Sciences, Switzerland Global Enterprise

Nicolas Panzer

Senior Manager Life Sciences

Zürich , Schweiz

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