
Angela Di Rosa, Senior Consultant Southeast Asia
29. Mai 2026

Der europäische Fintech-Markt wächst. Laut Market Data Forecast erreicht er 2025 ein Volumen von rund 98 Milliarden US-Dollar - mit einem prognostizierten jährlichen Wachstum von rund 24 Prozent bis Anfang der 2030er-Jahre. Für Schweizer ICT- und Fintech-Unternehmen bedeutet das dennoch: Der grösste Absatzmarkt vor der eigenen Haustür befindet sich im Umbruch. Und dieser Umbruch schafft konkrete Nachfrage.
Was den europäischen Fintech-Markt 2025 und 2026 besonders prägt, ist nicht allein das Wachstum - es ist die Regulierung. Gleich vier EU-Gesetzgebungen verändern die Spielregeln für Anbieter und Abnehmer gleichermassen. Der Digital Operational Resilience Act (DORA) ist seit dem 17. Januar 2025 in Kraft und verpflichtet Finanzinstitute sowie ihre ICT-Dienstleister zu einheitlichen Standards in der Cyberresilienz, im Incident-Reporting und im Drittparteienmanagement. Wer als Technologieanbieter in den europäischen Finanzsektor liefert, ist direkt betroffen und direkt gefragt.
MiCA (Markets in Crypto-Assets) ist seit dem 30. Dezember 2024 vollständig anwendbar und schafft erstmals einen einheitlichen EU-Rahmen für Kryptowerte. Die nationalen Grandfathering-Perioden laufen je nach Mitgliedstaat bis spätestens 1. Juli 2026 aus - in Deutschland und Österreich bereits Ende 2025 (31. Dezember 2025). Die Nachfrage nach Compliance-Tools, Custody-Infrastruktur und regulatorischen Prozessen ist entsprechend hoch.
Das neue PSD3/PSR-Paket wurde am 27. November 2025 politisch beschlossen und tritt voraussichtlich ab H2 2027, spätestens Anfang 2028 schrittweise in Kraft. Es reformiert das Zahlungsverkehrsrecht grundlegend, stärkt Open Banking und öffnet neue Kanäle für B2B-Finanzdienstleistungen.
Schliesslich verpflichtet der EU AI Act Anbieter von KI-Systemen im Hochrisikobereich - darunter Kreditwürdigkeitsprüfung sowie Risikoeinschätzung und Preisgestaltung in der Lebens- und Krankenversicherung - zur Einhaltung strenger Transparenz- und Prüfpflichten. Der ursprüngliche Stichtag (2. August 2026) wurde im Rahmen des Digital Omnibus (politische Einigung vom 7. Mai 2026) auf den 2. Dezember 2027 verschoben; bis zur formellen Veröffentlichung im Amtsblatt gilt jedoch weiterhin das ursprüngliche Datum. Bei Non-Compliance drohen Bussen von bis zu 15 Millionen Euro oder 3 Prozent des globalen Jahresumsatzes für Verstösse gegen Hochrisiko-Pflichten - bei besonders schwerwiegenden Verstössen können die Bussen bis zu 35 Millionen Euro oder 7 Prozent des globalen Jahresumsatzes betragen.
Für Schweizer KMU sind diese regulatorischen Fristen nicht nur Hürden, sondern auch Chancen. Europäische Banken, Versicherungen und Zahlungsdienstleister stehen unter Zeit- und Budgetdruck und suchen aktiv nach bewährten B2B-Lösungen aus dem Ausland. Die Schweiz ist in all diesen Bereichen stark - laut IFZ Fintech Study 2026 entfielen 2025 erstmals 49 Prozent des gesamten Schweizer Fintech-VC-Investitionsvolumens auf das Technologiesegment Analytics, Big Data und KI, womit dieses Segment Distributed Ledger Technology (44 %) als führende Kategorie ablöste. 60 Prozent der hiesigen Fintech-Unternehmen sind reine B2B-Anbieter; zugleich sind 81 Prozent aller Schweizer Fintech-Unternehmen international tätig, wobei B2B-Modelle auch im internationalen Segment klar dominieren.
Über die Hälfte der Schweizer Warenexporte gehen in die EU, die damit der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt bleibt. Im ICT-Bereich ist diese Abhängigkeit ebenfalls hoch. Gleichzeitig fehlt Schweizer Fintech-Unternehmen der EU-Pass: Sie können Finanzdienstleistungen nicht automatisch grenzüberschreitend in der EU erbringen. Die Stärke des Schweizer Ökosystems zeigt sich dennoch in seiner internationalen Ausrichtung: Laut IFZ Fintech Study 2026 sind 81 Prozent aller Schweizer Fintech-Unternehmen - 431 von 534 - primär international tätig. Innerhalb dieses international aktiven Segments dominieren B2B-Geschäftsmodelle klar und machen mit 54 Prozent mehr als die Hälfte aller Schweizer Fintech-Unternehmen aus.
Das Bilaterales-III-Paket, das am 2. März 2026 unterzeichnet wurde, stabilisiert das Verhältnis Schweiz–EU und assoziiert die Schweiz rückwirkend mit dem Digital Europe Programme - bringt aber keinen Marktzugang für Finanzdienstleistungen. Praktische Lösungen sind eine EU-Tochtergesellschaft oder Partnerschaften mit EU-lizenzierten Zahlungsdienstleistern oder Banken.
Switzerland Global Enterprise begleitet Schweizer KMU bei jedem Schritt in europäische Märkte - von der ersten Marktanalyse bis zur Partnervermittlung vor Ort. Über die Swiss Business bietet S-GE direkte Marktkenntnisse, lokale Netzwerke und operative Unterstützung beim Markteintritt. Für ICT- und Fintech-Unternehmen bedeutet das konkret: Zielmarktanalysen, Käufer- und Partneridentifikation sowie Begleitung bei regulatorischen Erstabklärungen.
Zusätzlich vernetzt S-GE Schweizer Unternehmen an internationalen Branchenevents - zuletzt als Gastland an der Digital Finance 2025 und mit der Swiss FinTech Night Frankfurt, geplant für den 5. November 2026.