
Julie Bächtold, Content Manager
17. Juni 2026

In Zeiten von New Space, sich verschiebenden Lieferketten und steigender Nachfrage auf internationalen Märkten entstehen neue Chancen für Schweizer Exportunternehmen in den Bereichen Luft- und Raumfahrt.
Wo diese Chancen liegen und was internationale Partner von Schweizer Zulieferern erwarten, darüber sprachen wir mit Marc-André Chavy-Macdonald, Space Lead am Center for Aviation and Space Competence der Universität St. Gallen und Office-Manager des Swiss Aerospace Clusters. Am Ende dieses Artikels finden Sie ausserdem einzelne Länderberichte zur Luft- und Raumfahrt, die Ihnen einen detaillierten Überblick über die aktuellen Entwicklungen in diesen Bereichen bieten.
Ich würde in diesem Bereich zwischen Raumfahrt und Luftfahrt unterscheiden, weil sie unterschiedliche Dynamiken haben.
In der Raumfahrt ist der Haupttrend das Aufkommen des sogenannten New Space. Er schafft Einstiegschancen für neue Zulieferer, weil das Segment noch im Entstehen begriffen ist und die Zuliefererbeziehungen noch nicht so stark gefestigt sind.
Geografisch betrachtet sehen die benachbarten europäischen Märkte vielversprechend aus, insbesondere für Unternehmen, die New Space ins Visier nehmen. Deutschland zeichnet sich durch sein Wachstumspotenzial aus. Die Vereinigten Staaten bleiben die traditionelle Heimat von New Space, und einige unserer Mitgliedsunternehmen haben bereits beträchtliche Geschäfte mit US-Kundschaft gemacht.
In der Luftfahrt gilt Asien nach meinem Verständnis immer noch weithin als der wichtigste Wachstumsmarkt. Deshalb ist das Swiss Aerospace Cluster in Dubai und Singapur aktiv, wobei insbesondere Singapur als Tor zu asiatischen Märkten gilt.
Wenn wir vor allem über die Raumfahrt sprechen, dann würden als grosse Infrastrukturen zum Beispiel Raketenstartrampen oder grosse Leitzentren zählen. Es stimmt, dass die Schweiz diese nicht hat, aber ich sehe darin kein grosses Problem.
Bau und Betrieb solcher Anlagen sind kostspielig, und ihr Vorhandensein bedeutet nicht automatisch, dass das Land mit dem Standort auch den grössten Teil der Wertschöpfung erwirtschaftet. Für die Schweiz kann es sinnvoller sein, Bottom-up-Innovationen und KMU zu unterstützen.
Zudem ist gerade ein umfassender Wandel im Gange.
Marc-André Chavy-Macdonald
Space Lead, Center for Aviation and Space CompetenceGeschieht dies, verliert die Nähe zu grossen physischen Infrastrukturen an Bedeutung.
Das Fehlen einer solchen Infrastruktur ist daher eher ein symbolischer als ein praktischer Nachteil. Grosse Anlagen können nach aussen signalisieren, dass ein Land eine ernstzunehmende Weltraumnation ist. Doch neuere Entwicklungen in der Schweiz, darunter Projekte von Axiom und Starlab Space, könnten helfen, diese Lücke zu schliessen, indem sie Nachfrage nach Nutzlasten, Tests und Spezialinstrumenten generieren.
Die Schweiz verfügt bereits über starke Kompetenzen in Biotech, Pharma, Präzisionsfertigung und Rapid Prototyping. Für ein kleineres Land sind dies echte komparative Vorteile, die für diese Art von Geschäften von grosser Bedeutung sind.
Der Sektor gleicht immer weniger einem langsamen, staatlich dominierten System, sondern mehr einer kommerziellen Technologieindustrie.
Marc-André Chavy-Macdonald
Space Lead, Center for Aviation and Space CompetenceDas sind grundsätzlich gute Nachrichten für die Schweiz. Da der Sektor offener, kommerzieller und wettbewerbsfähiger wird, werden starke Akteure aus kleineren Ländern wie der Schweiz weniger ausgeschlossen.
Die Grundwahrnehmung ist, dass die Schweiz ein Land mit hohen Qualitätsstandards ist. Das erlaubt Premium-Preise, erhöht aber auch die Erwartungshaltung. Von Schweizer Zulieferern werden nicht nur Qualität, sondern auch Pünktlichkeit und technologische Raffinesse erwartet.
Gerade angesichts der jüngsten Lieferkettenstörungen kann die Zuverlässigkeit und Lieferperformance von besonderer Bedeutung sein. Weiter unten in der Lieferkette ist es vielleicht weniger wichtig, ob ein Bauteil etwas teurer ist, solange es nicht die Produktion verzögert. Zuverlässigkeit ist somit ein echtes Verkaufsargument für Schweizer Zulieferer.
Marc-André Chavy-Macdonald
Space Lead, Center for Aviation and Space CompetenceWenn es um europäische New-Space-Märkte geht, ist die SpaceTech Expo Bremen wahrscheinlich einer der besten Orte für Unternehmen, die mit relevanten Akteuren in Kontakt treten wollen.
An Veranstaltungen wie diesen geht es weniger um unmittelbare Geschäfte, sondern vielmehr ums Sehen und Gesehenwerden und den Beziehungsaufbau. Unternehmen gehen dorthin, um Kontakte zu knüpfen, die später zu Geschäften führen können.
Über den Experten
Marc-Andre Chavy-Macdonald ist derzeit Space Lead am Center for Aviation and Space Competence der Universität St. Gallen. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Systemdesign und -management, Wirtschaftsingenieurwesen und Innovationsmanagement, insbesondere angewandt auf Satelliten- und Weltraumsysteme. Zudem ist er Cluster Officer des Swiss Aerospace Clusters.
Swiss Aerospace Cluster
Das Swiss Aerospace Cluster vereint rund 170 Zulieferer aus Luft- und Raumfahrt, Forschungseinrichtungen sowie die Dienstleistungs- und nachgelagerte Industrie, um den Technologie- und Wissenstransfer zu fördern und das Netzwerk zu stärken. Weitere Informationen finden Sie auf seiner Website.