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Wie Unternehmen auf die Krise in der Ukraine reagieren

David Sieber-Mengel, Universität Zürich

9. Juni 2026

Ukraine

Die Ukraine zeigt, womit viele Firmen in einer zunehmend konfliktgeplagten Weltwirtschaft rechnen müssen. David Sieber-Mengel hat in Interviews, Workshops und Firmenbesuchen untersucht, wie sich Unternehmen vor Ort an den Krieg anpassen. Für S-GE hat er Lehren für Schweizer Firmen zusammengetragen.

Ein Krieg birgt diverse Risiken für Unternehmen. Im Zuge der Krim-Annexion 2014 und der folgenden russischen Invasion in der Ukraine 2022 wurden Fabriken in den Frontregionen und darüber hinaus zerstört oder besetzt. Überlebende Firmen halten seit über vier Jahren ihren Betrieb aufrecht, obwohl Stromausfälle, Personalmangel, Kriegsrecht und eine unsichere Logistik den Alltag prägen. Die Belegschaft und die Bevölkerung vor Ort erwarten, dass die Firmen ihre Mitarbeitenden schützen, den Opfern des Krieges helfen oder sogar das Militär unterstützen. 

In dieser Situation haben Unternehmen Anpassungsstrategien entwickelt, aus denen sich folgende fünf Lehren ableiten lassen.

1. Kriegschaos macht lokales Wissen und Partner vor Ort noch wichtiger

Jedes Schweizer Unternehmen, das sich für die Ukraine interessiert, muss sich Informationen und Kontakte vor Ort beschaffen. Wer sich allein auf den öffentlichen Diskurs in (sozialen) Medien verlässt, stellt sich die Ukraine möglicherweise als verwüstetes Kriegsgebiet vor.

Die Situation vor Ort hingegen ist nuanciert. In vielen Regionen kann weitgehend normal gearbeitet werden und die durchaus ernstzunehmende Korruption scheint dank Reformen und fortgeschrittener Digitalisierung vielerorts zu sinken. Gleichzeitig verändert sich die Situation ständig mit dem Kriegsverlauf. Erfolgreiche ausländische Unternehmen arbeiten deshalb eng mit lokalen Partnern zusammen und übertragen dem lokalen Management umfassendere Kompetenzen, damit es flexibel auf wechselnde Umstände reagieren kann. 

Interessierte Schweizer Firmen sollten insbesondere Beziehungen zu Wirtschaftsverbänden und bilateralen Handelskammern aufbauen und sich im Fall von Korruption oder anderen Missständen an  den Rat des Wirtschaftsombudsmanns wenden, um die Situation vor Ort zu verstehen, politische Repräsentation aufzubauen und Probleme mit staatlichen Stellen rasch zu lösen. 

2. Der Kriegsalltag verlangt nach flexiblen operativen Anpassungen

Im Alltag der meisten Unternehmen zeigt sich der Krieg weniger in direkten Angriffen als in indirekten Folgen wie Personalmangel und Stromausfällen. Gefragt sind deshalb flexible und kreative Lösungen.

Besonders deutlich wird das beispielsweise in der Logistik. Der ukrainische Luftraum ist komplett und die Häfen teilweise gesperrt. Ein grosser Teil der Logistik hat sich deshalb auf die Strasse verlagert, wodurch sich die Wartezeiten an den Grenzübergänge oft um mehrere Stunden verlängern. Einige Firmen mieten deshalb Lager in Polen, von wo aus sie ihre Produkte direkt verschicken, um die Lieferzeiten für ihre Kunden zu verkürzen. 

Viele solcher Anpassungen müssen schnell erfolgen, um hohe Kosten zu vermeiden. Stromgeneratoren, LKW-Transporte und Büroräume im Westen des Landes wurden rasch knapp und teuer. Einige Firmen arbeiten deshalb mit mehreren strategischen Szenarien. Wer ein Szenario bereits durchgespielt hat, kann im Ernstfall schneller reagieren und verschafft sich so einen Wettbewerbsvorteil. 

3. Firmen brauchen alternative und langfristige Finanzierungsstrategien

Trotz wiederholter Versprechen auf den Bühnen der internationalen Politik bleibt die Finanzierung ausländischer Projekte schwierig. Viele ausländische Banken verleihen aufgrund des Risikos kein Geld und Finanzierungen über ukrainische Banken sind mit hohen Zinsen und teilweise mit regulatorischen Hürden verbunden. 

Schweizer Firmen können sich für Programme internationaler Finanz-institutionen wie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sowie öffentliche Ausschreibungen anderer Staaten wie der Schweiz bewerben. Diese Möglichkeiten stehen jedoch meist nur Grossprojekten und nicht den kleinen oder mittleren Unternehmen zur Verfügung. Diese sind häufig auf Eigenmittel oder alternative Investoren angewiesen. Investoren zu finden, ist aber kein einfaches Unterfangen, weil ukrainisches Kriegsrecht stark beschränkt, wie viel Kapital die Ukraine während des Krieges wieder verlassen kann. Grössere Gewinnrückführungen ins Ausland dürfen wohl erst nach Ende des Krieges erwartet werden. 

4. Fehlende Versicherungen erfordern operatives Risikomanagement

Unternehmen tragen die Risiken im Krieg in der Regel selbst. Kriegsrisikoversicherungen sind nur vereinzelt verfügbar und teuer. Statt Maschinen, Gebäude und andere Vermögenswerte zu versichern, setzen viele Firmen vor Ort darauf, die Risiken zu minimieren und zu diversifizieren. 

Zur Risikominimierung verlagern Unternehmen etwa Fabriken in den Westen des Landes, bauen Schutzräume, erweitern Homeoffice-Angebote oder legen Arbeitsschichten in Zeiten mit geringerem Beschuss. Zur Diversifikation schaffen sie redundante Strukturen wie Backup-Büros, Ausweichstandorte oder geografisch verteilte Lager. 

Unternehmen sollten allerdings bedenken, dass auch Zulieferer und Kunden ihre Risiken minimieren möchten. Während Zulieferer deshalb oft Vorauszahlungen verlangen, lehnen Kunden diese häufig ab.

5. Reputationsmanagement wird komplexer

Der Krieg hat die öffentliche Wahrnehmung zur Verantwortung von Firmen verändert. Einerseits honorieren ukrainische Arbeitnehmende es, wenn ausländische Firmen trotz der widrigen Umstände im Land aktiv sind. Manager berichten von einer noch nie dagewesenen Produktivität und Loyalität ihrer Teams. 

Gleichzeitig wird von Firmen erwartet, sich aktiv an der Verteidigung des Landes zu beteiligen. Während praktisch alle ukrainischen Unternehmen das Militär finanziell und materiell unterstützen, vermeiden ausländische Unternehmen oft eine direkte Nähe zum Militär, weil sie Reputations- oder Compliance-Risiken in ihren Heimatmärkten fürchten. Sie konzentrieren sich deshalb auf humanitäre Unterstützung. 

Neben humanitärer Hilfe sollten Schweizer Firmen mit Interesse an der Ukraine auch darauf vorbereitet sein, jegliche Beziehung zu Russland beenden. Ansonsten riskieren sie einen Reputationsschaden, Kundenboykotte und Opposition in der Belegschaft.

Was bedeutet das konkret für Schweizer Unternehmen?

Lokale Netzwerke aufbauen, operative Resilienz aufbauen, tragbare Finanzierungslösungen finden, Risiken managen und neue gesellschaftliche Rollen übernehmen. Schweizer Firmen, die diese Lehren beachten, können trotz der Risiken in der Ukraine aktiv sein. Dabei gilt aber stets: Der Krieg kennt keine Garantien. 

Ihre Ansprechperson für den ukrainischen Markt

Cornut Xavier

Xavier Cornut

Consultant Europe + CIS

Renens, Schweiz

xcornut@s-ge.com

+41 44 365 50 68

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