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Simon Evenett über die Auswirkungen von Globalisierung und Protektionismus auf Schweizer KMU

In seinen Studien kommt Simon Evenett zu dem Schluss, dass protektionistische Massnahmen in den letzten fünf Jahren deutlich zugenommen haben. Aber wie wirkt sich der Protektionismus auf die Globalisierung aus und wie können Schweizer Exporteure in einem so spannungsgeladenen Umfeld agieren? Ein Interview.

Simon Evenett: «Globalisierung schreitet voran, weil sich die Technologie verändert.»
Simon Evenett: «Globalisierung schreitet voran, weil sich die Technologie verändert.»

Simon Evenett, Sie koordinieren die Global Trade Alert-Initiative. Zusammen mit Ihrem Team dokumentieren Sie Eingriffe in die Wirtschaft. Welche Schlüsse ziehen Sie aus diesen Berichten?

Wir konnten drei Schlussfolgerungen ziehen. Erstens ist Protektionismus viel verbreiteter als Regierungsvertreter es zugeben. Zweitens beeinflusst Protektionismus wahrscheinlich bis zu 80 % der Exporte der G20 in den Rest der Welt; die G20 sind die grössten Volkswirtschaften der Welt, daher konzentrieren wir uns auf diese Länder. Die dritte Schlussfolgerung besagt, dass ein Grossteil des aktuellen Protektionismus nicht das Handelsvolumen verringert, sondern den Handel zwischen den Exporteuren neu ordnet. Regierungen setzen verschiedene Arten von Exportanreizen ein, um ihren Unternehmen den Abschluss von Verträgen in ausländischen Märkten zu erleichtern. Andere Unternehmen, die keine Unterstützung erhalten, verlieren Engagements. Es handelt sich also nicht um eine Einschränkung des Handels, es geht darum, in ausländischen Märkten eigenen Unternehmen auf Kosten anderer Länder Marktanteile zu sichern.

Können Sie einige Beispiele für protektionistische Massnahmen nennen?

Lassen Sie mich vier Beispiele anführen. Erstens: Die chinesische Regierung hat zu Beginn der Krise die Palette der Produkte, die steuerliche Anreize für den Export erhalten, erheblich erweitert. Diese Vorgehensweise wurde von anderen Schwellenländern übernommen. Zweitens: Vielleicht erinnern Sie sich: Zu Beginn der Krise haben die USA die «Buy American»-Bestimmungen in Regierungsverträgen erweitert. Damit wurden im Wesentlichen mehr Verträge für Produkte vorbehalten, die Eisen und Stahl aus den USA verwendeten. Drittens: Es gibt Länder wie Indonesien und Südafrika, die ihre bilateralen Investitionsabkommen mit anderen Ländern mit der Begründung aufkündigen, diese wären für das 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäss. Das benachteiligt natürlich ausländische Investoren in diesen Ländern, darunter auch Schweizer Investoren. Und viertens: Ein Stück hausgemachter Protektionismus in der Schweiz ist die Initiative «Swiss made», die besagt, dass Produkte, die mit diesem Label versehen werden, über einen bestimmten, sehr hohen Anteil an örtlich hergestelltem Inhalt verfügen.

Was sind die Ursachen für protektionistische Massnahmen?

Es gibt verschiedene Ursachen für Protektionismus. Grundsätzlich versuchen Regierungen, aufgrund des sehr langsamen Wirtschaftswachstums und der schleppenden Erholung der Weltwirtschaft nach der Krise verzweifelt, ihre jeweiligen Volkswirtschaften zu stimulieren, da sie nur ungern eine Politik der Erhöhung der Ausgaben verfolgen möchten und die geldpolitischen Massnahmen bereits an ihre Grenzen gestossen sind. Regierungen haben vermehrt versucht, ihre Exporte ins Ausland zu steigern, um das Nationaleinkommen zu erhöhen. Dies stellt einen wichtigen Faktor dar. Der zweite Faktor ist die Tendenz von Regierungen, das schlechte Verhalten anderer Regierungen zu übernehmen.

Auf der anderen Seite haben wir die Globalisierung. Diese hat den internationalen Handel verändert. Welche Beobachtungen konnten Sie in dieser Hinsicht machen?

Die Globalisierung, also die Integration der Märkte, schreitet voran, weil sich die Technologie verändert. Das betrifft insbesondere Technologie in Bezug auf Information und Kommunikation, die Menschen dabei hilft, Transaktionen und Produktion über weite Strecken durchzuführen. Dieser langfristige Trend setzt sich weiter fort und bietet noch immer grosse Chancen für Länder, sich zu spezialisieren und ihre Produktion auf ihre spezifischen Fähigkeiten zu konzentrieren und den Rest aus anderen Ländern zu beziehen, die wiederum besser bei der Herstellung dieser Waren sind.

Es gibt nur eine andere technische Entwicklung, die ich erwähnen möchte, die möglicherweise tatsächlich in Zukunft für eine Verringerung des Handelsvolumens verantwortlich sein könnte. Dabei handelt es sich um die Einführung des 3D-Drucks, der es vielen Unternehmen ermöglichen wird, sehr nahe am Kunden zu produzieren. Und wenn sich diese Technologie durchsetzt, könnte das grenzüberschreitende Handelsvolumen sinken und vielleicht die lokale Produktion für lokale Kundenbedürfnisse erheblich zunehmen, oder auch die ausländischen Direktinvestitionen in Fabriken, die mit 3D-Druck entsprechend den lokalen Kundenbedürfnissen produzieren. Insgesamt stellte Technologie in den vergangenen 30 oder 40 Jahren einen sehr positiven Faktor bei der Integration nationaler Märkte und der Schaffung von geschäftlichen Möglichkeiten dar. Aber es ist auch ein Faktor, der gegenteilige Auswirkungen haben könnte, je nachdem, wie schnell sich beispielsweise der 3D-Druck durchsetzen kann.

Welche Auswirkungen hat die Globalisierung auf die Schweizer Wirtschaft?

Da die Schweiz so stark in die westeuropäische Wirtschaft und die Weltwirtschaft integriert ist, hat die Globalisierung erhebliche Auswirkungen auf das Land. Ich denke, es liegt für Schweizer Unternehmen ein enormes Potenzial darin, sich auf absolute High-End-Produkte zu konzentrieren und bei dem Verkauf dieser grossartigen Produkte im Ausland von einer unglaublichen Gewinnspanne zu profitieren.

Wir haben ausserdem sehr starke Schweizer Exportvorteile bei Dienstleistungen. Wenn man die Schweizer Wirtschaft betrachtet, bemerkt man, dass sie in Produktion und Dienstleistung stark diversifiziert und im High-End-Bereich sehr gut aufgestellt ist. Schweizer Unternehmen können ihre Produktion und ihren Kundenstamm erweitern, da es ausländische Käufer gibt, die diese ausgezeichneten Schweizer Produkte und Dienstleistungen gerne kaufen. Ich bin der Ansicht, dass dies eine grosse Chance ist, die von der Globalisierung eröffnet wurde.

Unternehmen befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Protektionismus. Wie beeinflusst das die Wirtschaft?

Es wäre nicht richtig zu sagen, dass alle Schweizer Unternehmen von den gleichen Umständen betroffen sind. Alle reagieren anders. Das Zusammenspiel von Integration der Märkte über Technologie, Handelsverzerrungen und Protektionismus ist von Sektor zu Sektor unterschiedlich. In manche Sektoren wird stärker interveniert, wie bei Lebensmitteln oder manchmal bei Pharmaprodukten, Life Sciences und dergleichen; andere Sektoren hingegen sehen weniger Intervention.

Konnten Sie auch Unsicherheiten beobachten?

Natürlich sahen wir uns 2017 einer Reihe von Unsicherheiten gegenüber, was auch im kommenden Jahr 2018 der Fall sein wird. Eine der grössten Unsicherheiten stellt die Handelspolitik der USA dar. Allen voran bestehen Bedenken zu möglichen Massnahmen der Regierung Trump in Hinblick auf eine sehr aggressive Haltung gegenüber China. Das ist eines der Themen. Eine andere Unsicherheit, die vielleicht eher regional begrenzt ist, betrifft den Austritt Grossbritanniens aus der EU. Die Schweiz hat viel Geld in Grossbritannien investiert und es gibt Schweizer Tochtergesellschaften, die dort arbeiten, die von dieser Entscheidung natürlich betroffen sind. Auf der positiven Seite wissen wir aber auch nicht, wie sich die neuen Verhandlungen zu Freihandelsabkommen entwickeln werden. Diese könnten durchaus neue Chancen eröffnen. Es gibt zahlreiche Unsicherheiten, doch die gibt es immer. Ich denke, talentierte Führungskräfte wissen, dass sie zwischen diesen unterschiedlichen Arten von Unsicherheiten ein Gleichgewicht herstellen müssen. Und falls es tatsächlich Risiken gibt, die die Wirtschaftlichkeit ihres Unternehmens gefährden, wissen diese Führungskräfte, dass es an ihnen liegt, die besten Strategien zur Risikominderung zu identifizieren.

Über Simon Evenett

Simon Evenett ist Professor an der Universität St. Gallen. Er leitet das MBA-Programm und unterrichtet zu Betriebswirtschaft, Unternehmensstrategie, internationaler Geschäftstätigkeit und zum europäischen Geschäftsumfeld. Simon Evenett koordiniert auch die Global Trade Alert-Initiative, deren Aufgabe die unabhängige Beobachtung von Handelspolitik ist.

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