Expertise

"Schweizer Unternehmen sind sich der Chancen im koreanischen Life-Science-Sektor nicht bewusst"

Roger Zbinden, Head of the Swiss Business Hub Korea, erklärt, warum Schweizer Life Science-Unternehmen nicht automatisch zuerst an China oder Japan, sondern an den dynamischen koreanischen Markt mit seinem Exportpotenzial denken sollten, der zudem als Sprungbrett nach Asien dienen kann.

Roger Zbinden leitet den Swiss Business Hub Korea

Was sind die wichtigsten Aktivitäten, die der Swiss Business Hub durchführt, um Korea auf dem Schweizer Markt bekannt zu machen?

Der Swiss Business Hub vertritt die offizielle Schweizer Agentur für Export- und Standortspromotion Switzerland Global Enterprise (S-GE). Wir sind vorwiegend in zwei Bereichen tätig: der Exportförderung und der Investment Promotion.

Im Bereich der Exportförderung unterstützen wir Schweizer Unternehmen bei ihrem Eintritt in den Markt und bei Expansionsaktivitäten hier in Korea. Wir helfen ihnen, die richtigen Geschäftspartner zu finden, organisieren individuelle Geschäftsreisen und zeigen Geschäftschancen auf. Da wir ein kleines Team sind, arbeiten wir mit lokalen Experten in den verschiedenen Bereichen zusammen, die für die individuellen Herausforderungen unserer Kunden relevant sind. Auf diese Weise können wir unsere Aktivitäten an die Bedürfnisse unserer Kunden anpassen. Darüber hinaus organisieren wir regelmässig Informationsveranstaltungen in der Schweiz, um Korea bei potenziellen Exporteuren als vielversprechenden Markt zu präsentieren.

Im Bereich der Investment Promotion arbeiten wir eng mit koreanischen Unternehmen zusammen und unterstützen diese bei ihren Plänen, in die Schweiz zu expandieren. Wir beobachten eine deutliche Zunahme des Interesses sowie eine Erhöhung in Bezug auf Anzahl und Umfang unserer Export- und insbesondere Investitionsprojekte. Bei der Investment Promotion arbeiten wir eng mit koreanischen Unternehmen zusammen und unterstützen sie bei ihren Plänen, nach Europa zu expandieren. Die Schweiz bietet als Unternehmensstandort viele Vorteile.

Wie viel Potenzial hat Korea als Investitionsstandort für Schweizer Geschäftsleute?

Meiner Ansicht nach wird Südkorea immer noch unter Wert gehandelt. Korea ist nicht sehr präsent, in der Schweiz nicht und auch in ganz Europa nicht. Wenn ich mit CEOs und Start-ups spreche, die nach Asien expandieren wollen, denken sie zuerst an China, gefolgt von Japan. Korea wird selten in Erwägung gezogen und das möchte ich ändern. Korea ist ein sehr guter Markt mit vielversprechenden Geschäftsmöglichkeiten für Schweizer Unternehmen in verschiedenen Sektoren. In Korea werden Entscheidungen schnell getroffen und Gesetze werden eingehalten. Zudem sprechen die meisten Führungskräfte Englisch.

Ausserdem wäre es kurzsichtig, nur den koreanischen Binnenmarkt zu betrachten. Korea kann als Sprungbrett nach China und andere Länder in Südostasien fungieren. Korea exportiert und investiert hier sehr stark. Koreanische Unternehmen betreiben zahlreiche Produktionsstätten in diesen Ländern, aber die Entscheidungen zu Technologie und strategischen Lieferanten werden immer in Seoul getroffen. Mit einem Sitz in Seoul können Unternehmen den globalen Produktlinien koreanischer Unternehmen folgen und so andere asiatische Märkte erschliessen. Das ist das Schöne daran, wenn man in Korea Geschäfte tätigt, und es trifft auf viele Branchen zu.

Wie sieht die gegenwärtige Geschäftsdynamik zwischen der Schweiz und Korea aus?

Der bilaterale Handel zwischen Korea und der Schweiz beläuft sich offiziell nur auf 4 Milliarden US-Dollar. Interessant ist jedoch, dass es ein grosses Handelsvolumen gibt, das nicht in der Statistik erscheint. Es gibt mehrere grosse Schweizer Reedereien mit eigenen Flotten, die an koreanische Schiffsbauer Aufträge in Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar vergeben haben. Da diese Schiffe jedoch nie in schweizerisches Hoheitsgebiet gelangen, werden sie nicht von den Zollbehörden erfasst und nicht als Export in die Schweiz eingestuft. Der Umfang dieses nicht erfassten Handels ist beachtlich.

Was sind die grössten Chancen auf dem koreanischen Gesundheitsmarkt?

Die meisten grossen globalen Akteure sind in Korea präsent. Weitere Chancen für ausländische Unternehmen liegen in der Belieferung grosser koreanischer Unternehmen wie Celltrion oder Samsung Biologics. Wenn diese Unternehmen auf dem Markt erfolgreich sind, profitieren davon auch ihre Geschäftspartner und Lieferanten. Wenn man mit grossen Unternehmen wie diesen in Korea in Kontakt ist, kann man ihnen folgen und mit ihnen arbeiten.

Hier sind natürlich führende Schweizer Technologieunternehmen optimal positioniert. Das jüngste Beispiel ist Bioengineering AG, ein führender Schweizer Anbieter von Biotechnologie, der uns dieses Jahr beauftragt hat, seine örtliche Niederlassung hier in Seoul aufzubauen. Biotech entwickelt mit neuen Marktteilnehmern wie Polus und Samsung Bioepis hier in Korea eine grosse Dynamik.

Was sind die grössten Herausforderungen, mit denen auf dem koreanischen Markt tätige Unternehmen konfrontiert sind?

Das hängt von der Branche ab. Eine allgemeine Herausforderung ist, dass manchmal spezielle Vorschriften für eine Branche nicht mit einer anderen Branche kompatibel sind. Dies ist einer der Gründe, warum Industrie 4.0 in Korea aufgrund der fehlenden regulatorischen Angleichung auf Schwierigkeiten stossen wird. Dies kann auch zu einem Stolperstein für die Ambitionen der Regierung werden, die die vierte industrielle Revolution nutzen will – Informationstechnologie in Biotechnologie zu integrieren, könnte möglicherweise regulatorische Konflikte unter den Ministerien zur Folge haben. Es gibt einige Initiativen hierzu, aber Fortschritte lassen auf sich warten. Zentrale und lokale Regierungsstellen in Korea stellen erhebliche Mittel für zahlreiche Initiativen zur Verfügung; in der Biotechnologie ebenso wie bei Fintech, künstlicher Intelligenz, 4IR und so weiter. Es laufen beeindruckende Programme für internationale Start-ups: Allein in Seoul gibt es über 40 von der Stadtverwaltung betriebene Standorte für junge Unternehmen. Die Szene ist sehr lebendig, allerdings ist die Überlebensrate von Start-ups recht gering.

Was sind die grössten Herausforderungen für Pharmaunternehmen beim Eintritt in den koreanischen Markt?

Nach der Einführung von MoonCare könnte es für innovative Arzneimittel möglicherweise schwierig werden, die erforderlichen Erstattungsmargen zu erhalten. Der Grund dafür ist, dass MoonCare das Preisniveau senken wird. Die Unternehmen werden daher neue Wege finden müssen, um ihre Margen zu erzielen, wenn sie nach Korea exportieren.

Muss Innovation von der Regierung oder von der Industrie und dem privaten Sektor ausgehen?

Dies sind zwei verschiedene Konzepte. In Korea werden alle Sektoren von Chaebols (Konglomerate in Familienbesitz) dominiert. Dazu gehören beispielsweise Samsung und Hyundai. Es gibt über 100 von ihnen. Sehr wenig Kapital kann ein ganzes Unternehmen kontrollieren. Dieses Modell hat dazu beigetragen, hierzulande die rasche Entwicklung voranzutreiben. Vor nur 60 Jahren war Korea eines der ärmsten Länder der Erde; das BIP pro Kopf betrug rund 80-90 US-Dollar. Der Fortschritt, der seit dieser Zeit erzielt wurde, ist unglaublich. Das ist gelegentlich mein Rat an Schweizer Geschäftsleute in diesem Markt: Man muss die Mentalität der Koreaner dieser Generation verstehen – sie haben harte Zeiten hinter sich. Sie wollen immer gewinnen und haben eine Überlebensmentalität mit grossem Durchhaltevermögen. Das hat sie sehr wettbewerbsorientiert, pragmatisch und schnell gemacht.

Aber eine unvorhergesehene Folge dieses Chaebol-Systems ist die Verdrängung von kleinen und mittleren Unternehmen, von denen es nur wenige gibt. Und diese wenigen produzieren meist nur gemäss den Vorgaben des Chaebol; sie betreiben keine F&E, können ihre Mitarbeiter nicht richtig schulen und geniessen nicht denselben sozialen Status wie grosse multinationale Unternehmen.

Im Gegensatz dazu lebt die Schweizer F&E und Innovation vor allem vom privaten Sektor. Die Regierung konzentriert sich darauf, unternehmensfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen und fördert das lebenslange Lernen. Grosse Schweizer Unternehmen geben viel für Innovation und F&E aus, doch gilt dies auch für KMU. Es gibt in fast jedem Sektor Schweizer KMU mit einer Exportquote von 95 % und einem globalen Marktanteil von 80 % und mehr. Wir nennen sie «Hidden Champions», da sie unter Konsumenten nicht sehr bekannt sind, aber wichtige Technologien bieten.

Innovation kommt in Korea viel stärker von der Regierung, es werden erhebliche öffentliche Mittel in Innovationsprojekte investiert. Vieles davon beschränkt sich jedoch auf die grossen Chaebols wie beispielsweise Samsung Biologics, die im Bereich Prozessinnovation einige Neuheiten zu bieten haben. Korea ist sehr innovativ, doch werden Innovationen eher von der Regierung und den grossen Marktteilnehmern getragen, weniger von den KMU.

Die koreanische Arbeitswelt ist ziemlich hart – die Regierung versucht gerade, die Arbeitszeit von 68 auf 52 Stunden zu senken. Die ziemlich hierarchische Geschäftskultur kann für Neulinge ebenfalls eine Herausforderung darstellen. Aber ich denke, es ist auch ein Wahrnehmungsproblem.

Korea bietet ein hochgradig dynamisches Umfeld, von dem globale Manager auf vielerlei Art und Weise profitieren können. Die hohe Risikobereitschaft, die Geschwindigkeit und der Pragmatismus von koreanischen Führungskräften bieten zahlreiche Möglichkeiten, um internationale Managementkompetenzen zu verfeinern.

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Es handelt sich hierbei um eine gekürzte Version des Interviews, das zuerst auf pharmaboardroom.com veröffentlicht wurde.

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